Tagebuch von August Wilhelm Gildemeister 1813-1815

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„Kaum war im März 1815 Napoleon wieder in Frankreich gelandet…“
Tag für Tag geht es hier nun weiter mit dem Tagebuch des Bremer Kaufmannssohns August Wilhelm Gildemeister. Lesen Sie von seinen touristischen und militärischen Abenteuern vor genau 201 Jahren in dieser bisher unveröffentlichten Quelle. Klicken Sie auf das Rechteck rechts über der Karte für eine größere Ansicht.
Copyright der Transkription: M. Jarzebowski.

August Wilhelm Gildemeister wurde am 26. März 1791 als Sohn des Bremer Kaufmanns und Senators Johann Gildemeister (1753–1837) und der Gerbetha geb. Wilckens (1763-1808) in Bremen geboren. Nach seiner Teilnahme an den Befreiungskriegen, vor der er in seinem Tagebuch berichtet, ging er mit seinem aus Marburg stammenden Freund Wulf Ludwig Ries in die USA und gründete dort im Jahr 1817 die Textilhandelsfirma Gildemeister&Ries. 1826 kamen sie nach Bremen zurück und engagierten sich auch im Reedereigeschäft, aus dem 1897 die Visurgis AG hervorging. Gildemeister war verheiratet mit Auguste geb. Nettmann (1805-1890), hatte mit ihr mehrere Kinder und starb in Bremen am 16. Mai 1866.
Das Tagebuch (in Privatbesitz) ist eine Abschrift, die vermutlich nach Gildemeisters Tod angefertigt wurde, denn auf der letzten Seite steht klein das Datum 27.7.1867. Der Ledereinband (17,5 x 21,5 cm) trägt als goldgeprägten Titel: A. W. Gildemeister. Erlebnisse in den Jahren 1813 u. 1815. Der Inhalt besteht aus zwei separat paginierten Texten (mit 17 Leerseiten dazwischen), der erste ist überschrieben mit Tour mit der Ehrengarde im Jahr 1813 (S. 1-191), der zweite Text (S. 1-168) trägt keinen Titel. Die Schrift ist sauber, gleichmäßig, gut lesbar, aber an zahlreichen Stellen nachträglich (?) mit Bleistift korrigiert oder ergänzt, vor allem bei französischen Wörtern und Namen. Das Tagebuch wird an dieser Stelle zum ersten Mal veröffentlicht.
Bremen war seit 1806 von napoleonischen Truppen besetzt und 1811 unter französische Herrschaft geraten. Napoleons Niederlage im Russlandfeldzug 1812 weckte die Hoffnung auf eine Befreiung. Es kam zu Unruhen in der Stadt, die General Dominique Joseph Vandamme aber mit großer Härte niederschlug. Vor diesem Hintergrund ist auch die Aushebung von Söhnen wohlhabender Bremer Bürgersfamilien und die Formierung der kaiserlichen Ehrengarde zu sehen – wenige Wochen vor Napoleons Niederlage in der sogenannten Völkerschlacht bei Leipzig vom 16.-19. Oktober 1813.
Als Napoleon im März 1815 von seiner Verbannung auf Elba nach Frankreich zurückkehrte und eine erneute französische Aggression zu befürchten war, formierten sich vielerorts in Deutschland Einheiten zur Verteidigung. So auch in Bremen.
Hier endet das Tagebuch August Wilhelm Gildemeisters. Wir hoffen, dass wir bald mit der Arbeit an einer kritischen und kommentierten Edition beginnen können.

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(8. Juli): Ich nahm mit noch einigen beim Boulevard de Bourdon einen Fiacer, davon fast an jeder Straßenecke mehrere zu finden sind, und fuhren zuerst über die schone eiserne Brücke von Austerlitz, welches wirklich ein Musterstück der Baukunst ist. Die Franzosen hatten solche von den Contributionen der Preußen und Rußen nach der Schlacht bei Austerlitz erbauen lassen. Der Fürst Blücher wollte sie anfangs sprengen lassen, indessen der König, der bald darauf in Paris einzog, verhinderte es, wir besahen hier zuerst den Jardin des Plantes. Wir besahen hier zuerst die Menagerie, worin sich theils wilde, theils zahme fremde Tiere von allen Arten befanden. Unter den wilden Thieren waren unter andern Löwen, Löwinnen, Tiger usw. In einem Käfig befand sich eine Löwin mit einem Hunde eingesperrt, die schon 10 Jahre in der größten Eintracht gelebt hatten, ferner ein sehr schöner Elefant, welcher in einem andern Hause lebte, worin sich unter andern Thieren Dromedare, Auerochsen und mehrere fremde Thiere befanden. Ferner sahen wir mehrere Bären in einem Behälter, wovon der eine einen ziemlich hohen Baum erkletterte und sich alsdann von oben herunterstürzte. Unter den Pflanzen befand sich hier eine schöne Ceder aus Libanon, die Büffon selbst gepflanzt hatte. Aus dem Garten gingen wir in das daranstoßende Naturalien-Cabinet. Im Thierreiche war hier, was uns besonders merkwürdig schien, das Kängeruh aus Neu-Holland, das Beutelthier, der Ameisenlöwe, das Ai, das Schnabelthier, der Strauß, das Rhinoceros, die Giraffe, das größte unter allen Thiere, und das einzigste Exemplar, welches man bis jetzt in Europa besitzt, Elennthier, das Lama, das Rennthier, das Moschusthier, die Angoraziege, die Buckelkuh, das Gnu, die verschiedenen Gazellen etc.
27.7.67 (wohl das Datum der Abschrift)

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Am 7. Juli setzten wir uns des Morgens 8 Uhr endlich in Bewegung um in Paris einzurücken, nachdem wir vorher unsere Sachen so gut wie möglich geputzt und in Stand gesetzt hatten. Es herrschte eine allgemeine Freude unter uns, daß wir endlich dieses Ziel, worauf wir schon so lange gehofft hatten, erreichten. Wir marschierten, da die Truppenmasse zu groß war, nur langsam vorwärts. Endlich kamen wir in die Thore von Paris, wir zogen in Zügen zu 12 Rotten ein, welches auf den breiten Straßen von Paris sehr gut ausführbar war. Unser Weg ging über das Champ de Mars, die Brücke von Jena, Quai des Thuilleries längst der Seine, nach dem Place de la Bastille, wo wir ein Bivouack auf dem Boulevard de Bourdou bezogen. Unser Einzug war sehr ruhig und wir wurden nicht mit dem Jubel empfangen wie das vorige Mal. Es war allenthalben sehr voll von Menschen, doch sah man ihnen keine Freude, sondern die Wuth nur an. Anfangs war uns untersagt worden auf keinen Fall den Bivouackplatz zu verlassen, indeß auf besondere Erlaubniß erhielt immer der dritte Theil des Detaschements die Erlaubniß in die Stadt zu gehen um die Merkwürdigkeiten zu besehen. Wir loseten, wer den folgenden Tag schon umher gehen sollte, und uns fiel glücklicherweise das Loos zu.

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Unser Einzug am 6. ward auf den 7. versetzt, weil die Räumung der feindlichen Truppen nicht ganz auszuführen gewesen war. Ich fouragierte an diesem Tage mit noch einigen Cameraden in einem nahe gelegenen Dorfe, wir fanden hier eine ganze Scheune voll des schönsten Heues u. der franz. Bauer mußte uns selbst den Wagen beladen, da der Kerl uns keine Lebensmittel geben wollte, so wurde er dafür höllisch abgeplatscht, bis er uns Käse und Milch gab.

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Am 5. verließen wir dieses Bivouack und rückten ungefähr 1/4 St. näher nach Paris zu. Unser Bivouackplatz war ein Weinberg, wo wir uns sehr gute Hütten aus dem Weinlaube anfertigten.

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Den folgenden Tag, als den 4ten blieben wir hier noch liegen. Die Capitulation von Paris war abgeschlossen, derzufolge sollte am Dienstag d. 4. St. Denis, am 5ten Mont Matre und d. 6ten uns Paris eingeräumt werden, und die Stadt von feindlichen Soldaten gereinigt sein. Unsere Pferde pflegten wir hier in einem Dorfe, welches im Thale lag, zu tränken, wir durften solches indeß nur bei Tage thun, weil bei Abend und Nacht mehrere Preußen von den Einwohnern ermordet waren. Dieselben waren alle aus dem Dorfe in einen nahegelegenen Wald geflüchtet, woraus sie sich nur bei Nacht ins Dorf wagten.

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Am 3. Juli des Morgens brachen wir auf und marschierten auf Versailles zu. Wir hatten wieder, so wie den Abend vorher, eine heftige Kanonade, und als wir durch Versailles kamen, näherten wir uns ihr immer mehr und mehr. Wir marschierten durch Sevres, welches den Morgen schon von den Preußen eingenommen war, und es fielen immer noch einzelne Schüsse, doch bald hörte das Feuer auch ganz auf, und wir erhielten die Nachricht, daß ein Waffenstillstand geschlossen und Paris wahrscheinlich capitulieren würde. Wir bezogen hier unser Bivouack ungefähr 3/4 St. vor Paris, wo selbiges ganz vor uns da lag, nachdem wir ungefähr 1/2 St. gelegen hatten, so ritt ein Theil von uns nach Issy, welches eben vorher erst mit Sturm von den Preußen eingenommen war. Hier tränkten wir unsere Pferde, fanden dort noch Hafer und, was noch besser war, einen ungeheuren Keller mit gewiß 6000 Bout Wein, ein jeder von uns versah sich damit, so gut er konnte. Nachdem ich eine Bouteille ausgeleert hatte, nahm ich noch 4 Bout mit aufs Pferd und brachte sie ins Bivouack. Auf dem Wege nach Issy und selbst in der Stadt lag es noch ganz voll von Verwundeten und Todten, besonders Preußen, die hier ungeheuer viele Menschen verloren hatten, besonders war hier das Bielefelder Landwehrregiment fürchterlich mitgenommen, dieses hatte bei Erstürmung von Issy innerhalb 2 St von 2400 Mann beinahe 1800 Mann verloren.

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Da an diesem Tage (2. Juli) erst die engl. Armee ankam, ohne welche nichts ernsthaftes unternommen werden konnte, so verließen wir des Morgens 3 Uhr diesen unseren Posten, welchen die Engländer & Belgier wieder einnahmen und wir marschierten die Seine abwärts bis St. Germain. Während der Zeit, daß wir vor Paris lagen, wurde vornehmend parlamentiert. In der brennendsten Sonnenhitze, von Hunger & Durst gequält, kamen wir bei St. Germain an, wir passierten das ganze engl. Lager, als wir an der Seine ankamen, rückten wir in Schwadronen in die Seine, um unsere Pferde zu tränken. Mehrere von uns badeten sich, da wir hier einige Stunden halt machten. Wir erhielten hier die traurige Nachricht, daß das Brandenburgische und Pommersche Husarenregiment bei Versailles beim Überfall den Morgen fast ganz aufgerieben wäre. Nach erhaltener Erlaubniß verfügte ich mich in die Stadt um dort einmal wieder ordentlich zu essen, da wir seit mehreren Tagen nichts ordentliches gegessen hatten. Mit zwei Kameraden aßen wir in einer Restauration, da wir dort noch Brod fürs Detaschement bekamen, so kam ich sehr spät wieder ins Bivouack an. Das Regiment war nämlich schon die Seine passiert und war ungefähr 1/2 St. von da ins Bivouack gezogen. Ich kam bei einer großen Wasserleitung vorbei. Wir hatten ein sehr schlechtes Bivouack, der Boden war so hart, das man keine Bivouackpfähle einrammen konnte, wir mußten deßhalb die ganze Nacht ohne Stroh, unsere Pferde am Zügel haltend, liegen.

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Wir rückten am 29. des Morgens von hier weiter über Damartin nach Paris zu. Ein jeder war neugierig, Paris zu erblicken. Sobald wir zuerst den Invalidenthurm mit der schön vergoldeten Kuppel und den Mont Matre (sahen), wurde von uns allen ein lautes dreimaliges Hurrah angestimmt. Wir rückten auf 2 St. vor Paris vor, wo wir ein Bivouack nahe am Dorfe Grand Raney bezogen. Bei unserer Ankunft wehete noch vor dem Thore der Kirche, obgleich das Dorf bis auf den letzten Mann verlassen war, die dreifarbige Fahne, die indeß bald abgerissen wurde. An Lebensmitteln, woran es uns so sehr fehlte, fanden wir hier nichts vor. Ein Schloß mit einem hübschen Garten, welches einem franz. General gehören sollte, wurde von den Soldaten ganz ruiniert, die Fenster, Spiegel, Kronleuchter, alles wurde zerschlagen. Mit den Möbeln schmückten wir unser Bivouack und es war ein sonderbarer Contrast mit uns, die wir darauf vor unser Feuer uns ein kärgliches Essen kochend saßen. Hier blieben wir bis zum 2. Juli, wo uns den Tag über der fürchterlichste Sonnabend (muss wohl heißen: Sonnenbrand), Hunger & Durst quälte.

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Am 28. Juni des Morgens ritt ich mit mehreren auch ins Dorf um unsere Pferde zu tränken. In demselben lag viele Infanterie. Nachdem wir mehrere Häuser durchsucht hatten, fanden wir in einem Keller dicke Milch, die wir uns gut schmecken ließen, nebst einer Tonne Speck, wovon ich auch ein Stück mitnahm. Wir hatten den ganzen Morgen schon Kannonieren hören und erfuhren denn auch bald, daß ein Theil unseres Armeecorps schon mit dem Armeecorps von Grouchy im Gefecht war. Ziethen beschloß denn auch bald, daß wir angreifen sollten, und wir mußten schnell aufsitzen. Wir erhielten die Nachricht, daß das Regiment bereits 4 Kanonen genommen habe. Ziethen ritt durch unser Lager und forderte uns zu unermüdeter Tapferkeit auf, da der Feind uns bei weitem überlegen war. So marschierten wir bis vor Crepy, wo wir Halt machten, ich ritt in die Stadt & ließ mein Pferd beschlagen, welches ein Eisen verloren hatte. Darauf ritten wir durch Crepy und bald darauf wurden wir auch schon den Feind ansichtig. Wir machten mit den braunen Husaren den Vortrab, worauf dieselben die Franzosen angriffen und auch gleich warfen, sie erbeuteten 8 Kanonen und mehrere Gefangene. Unser Regiment marschierte an der linken Seite der Chaussée und wir an der Rechten. Die Flucht der Franzosen war so schnell, daß wir sie, obgleich wir beinahe 2 St. durch das hohe Korn verfolgten, doch nicht einholen konnten. Nachdem unsere Pferde von diesem Nachsetzen ungeheuer ermüdet waren, machten wir bei einem großen Dorfe halt. Ein großer Vortheil für uns wäre es gewesen, wenn Ziethen nicht so rasch angegriffen hätte, da der Feind dann weniger schnell vorgerückt wäre und der Prinz Wilhelm ihn mit seiner Division in die Flanken kommend ihn mit uns zwischen zwei Feuer genommen hätte, wo er wohl nicht aufgerieben, doch ganz zerstreut worden wäre, daß nur die Überreste in Paris hätten ankommen können, dessen Garnison nun immer eine bedeutende Verstärkung erhielt. In dem Dorfe wurde tüchtig fouragiert und wir hatten hier ziemlichen Überfluß an Lebensmittel. Ein preuß. Dragoner, welcher aus der Gefangenschaft der Franzosen wieder entwischt war und an den Kopf schwer verwundet worden, wurde hier von unserem Arzte verbunden. Wir marschierten von hier bis an die Chaussée, wo wir für die Nacht unser Bivouack bezogen. Wir lagen zwischen Nanteul & Damartin, nur noch 10 Stunden von Paris, nicht weit von der breiten, schönen, mit großen Bäumen besetzten Chaussée. Ein alter Bauer, welcher einen unserer Husaren erschossen hatte, wurde hier gefangen genommen, ein verstockter Sünder, der auf alle an ihn gethanen Fragen keine Antwort gab.

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Am folgenden Morgen d. 27. Juni marschierten wir von hier auch wieder weiter durch Noyon und darauf durch Compiegne, in letzterer Stadt kaufte ich einige Bout Wein für mich und Elking, darauf marschierten wir durch den großen Wald von Compiegne, bis dahin waren wir ohne Widerstand Paris näher gekommen, wir wären heute indeß schon wieder zusammen gekommen, wenn sie nicht so schnell vor uns passiert wären. Durch ein Dorf, welches wir passierten, war eine halbe Stunde vor unserer Ankunft ein franz. Kavallerie-Regiment passiert. Wir machten gegen Abend halt bei einem reizenden Thale diesseits Crepy, wir fanden dort viele Kirschbäume, die wir ganz plünderten. Die Nacht wurden noch verschiedene von uns abcommandiert um Lebensmittel in einem Dorfe, welches im Thale lag, zu acquirieren, sie kamen erst gegen Morgen zurück.

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Den folgenden Morgen d. 26. wurde ich, ehe ich noch mein Pferd gefüttert und etwas genossen hatte, plötzlich comandiert um Briefe an den General Röder, welcher im andern Dorfe lag, zu bringen. Ich mußte bei demselben sehr lange warten und benutzte die Zeit um mein Pferd hier noch zu füttern. Hierauf wurde ich hier von diesem Posten abgelöset und kam wieder beim Regiment an, welches ich nahe hinter dem Dorfe Moi fand. Bald nach meiner Ankunft brachen wir auf und marschierten weiter, indem wir die Festung la Feré links liegen ließen. Wir kamen ungefähr 1/7 St. vor derselben vorbei und sahen sie sehr deutlich liegen. Sie liegt sehr tief und soll rundherum mit Wasser umgeben werden können, darauf marschierten wir durch Chough, einer kleinen Stadt bis vor Noyon, wo wir ein sehr gutes Bivouack unter Pappeln bekamen. Hier mußten wir uns wieder vor Geld Lebensmittel kaufen und hier tranken wir zuerst den verfluchten Cidre. Wir bekamen die Nacht wieder Regen.

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Den 25. Juni marschierten wir weiter, nachdem der General Lieutenant von Ziethen das ganze erste Armeecorps vor sich vorbei marschieren ließ. Während der Zeit kam der Fürst Blücher angejagt und ich hatte das Vergnügen, diesen alten grauen Helden recht mit Muße betrachten zu können, da er ganz nahe vor mir hielt und sich eine Zeitlang mit Ziethen unterhielt. Wir marschierten über Ribemont nach Cerisy, einem schlechten Dorfe, wo Ziethen sein Quartier in einer Ferme bekam, wir indeß sehr schlechte Quartiere. Es war heute Sonntag und da wir sehr früh angekommen waren, so benutzte ich diese Gelegenheit um mein Tagebuch soweit in Ordnung zu bringen. Wir schliefen die Nacht in einer kleinen Scheune, wo auch unsere Pferde standen.

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Am folgenden Morgen, am 25. Juny (muss heißen: 24. Juni), rückten wir weiter, ich kam als Ordonnanz bei einem Obristen, Adjudant des Generals. Wir marschierten über la Capelle, einem großen Dorfe, wo Rösing & Schiepstein beim Rittmeister Petersdorff, welcher dort als Commandant angestellt wurde, zurück blieb. Wir marschierten bis vor Guise, wo wir einen kleinen Halt machten, welche Festung noch den zweiten zweiten Tag capitulierte. Ich zog mit dem General Ziethen mit in die Stadt ein, vor dem Thor streckte eine Garnison, welche nur aus 60 Mann Invaliden bestand, das Gewehr und wurden zu Gefangenen gemacht nebst 14 Kanonen, die auf der Citadelle waren. Ich ritt im Gefolge des Generals in die Citadelle, welche sehr hoch auf einem Felsen lag und wo die Franzosen noch erst neue Befestigungen angebracht hatten. Hätte die Citadelle eine stärkere Garnison gehabt, so würde sie sich auch länger gehalten haben, allein so war es nicht gut möglich und überdies wäre die Stadt beim Beschießen ganz vernichtet worden. Guise ist eine kleine, jedoch hübsche Stadt, ich bekam mit 2 von unsern Uhlanen, welche auch Ordonnanzen bei Ziethen waren, ein sehr gutes Quartier und wir unterließen auch nicht, uns hier gut auftischen zu lassen, wir schliefen die Nacht im Stall bei unsern Pferden und tranken den folgenden Morgen den ersten Caffee wieder in unserm Quartier.

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Unser Bivouackplatz war ziemlich gut, indeß am folgenden Morgen erwachten wir wieder vom heftigen Regen, welcher uns überfiel. Endlich wurde uns der 23. zum Rasttag angekündigt, allein dies war nicht für uns ein Rasttag, da wir dagegen derb putzen mußten und unsere Sachen so gut es ging reinigen. Am Mittag wurde ich als Ordonnanz beim General Lieutnant von Ziethen commandiert, aus Versehen war ich erst beim General Lieutnant Roda gewesen, kam aber nachher nach Ziethen, wo ich mit mehreren Ordonnanzen die Nacht in einem Bauernhause schlief, ich aß den Abend sehr gut, auch mein Pferd hatte einen guten Stallt.
Wir schliefen hier alle zusammen auf einer großen Streu.

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Am folgenden Morgen, d. 22., erfuhren wir, daß eine unserer Bomben das Pulvermagazin gezündet hatte und dadurch in die Luft geflogen wär. Die Folge davon war, daß Avesne desselben Tages capitulierte, die Garnison, bestehend aus 1500 Mann, wurde zu Gefangenen gemacht, übrigens konnten wir nicht durch die Stadt marschieren, weil diese Explosion dieselbe ganz in Schutt gelegt hatte, kein Fenster in der ganzen Stadt war heil geblieben und mehrere Häuser eingestürzt, wobei sehr viele Einwohner ihr Leben verloren hatten. Wir mußten einen Umweg von 1/2 St. machen. Unser heutiger Marsch war nicht groß und wir bezogen unser Bivouack einige Stunden hinter Avesne in einem Dorfe bei einem kleinen Hause, woselbst der General Tresler sein Quartier hatte. Wir bekamen abermals wieder sehr wenig Lebensmittel.

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Am 21. Morgens marschierten wir von hier wieder ab durch die erste franz. Stadt Beaumont, durch welche wir mit Trompetengeschmetter durchmarschierten, indeß alle Thüren und Fensterladen verschlossen standen, da sich der größte Theil der Einwohner geflüchtet hatte und wir nur 2 Menschen zu Gesicht bekamen. Beaumont liegt sehr hoch, jenseits der Stadt, wo man eine herrliche Aussicht über die ganze Gegend hatte, ging es wieder bergunter, hier überfiel uns ein heftiger Platzregen, der uns alle durchnäßte und zugleich bekamen wir hier die fürchterlichsten Wege, die man sich nur denken kann, wo die Pferde immer bis an die Knie im Koth versanken. In einem Wald, den wir passierten, hatten die Franzosen angefangen, mehrere Verhaue zu machen, die indeß, da wir ihnen immer auf den Nacken gesessen hatten, nicht fertig geworden waren. Wir bezogen unser Bivouack, nachdem wir durch Sollerey marschiert waren, auf einer Anhöhe vor der Festung Avesne, welche sich indeß noch nicht ergeben hatte. Pavenstedt wurde hier mit einigen Uhlanen commandiert um zu fouragieren, derselbe kam die Nacht um 12 Uhr, nachdem schon alles im Lager schlief, und zeigte uns an, daß sie dichte unter der Festung in einem Dorfe einen starken Vorrath Lebensmittel gefunden hatten, welcher indeß aus Mangel an Wagen nicht hergeholt werden konnte. Gröning und ich entschlossen uns, mit ihnen zu reiten und uns da recht satt zu essen und so viel als nur möglich war mit aufs Pferd zu nehmen.
Als wir im Dorfe angekommen waren, war das erste, daß wir unsere leeren Futtersäcke mit Hafer auffüllten und darauf einige Bouteilen Wein ausleerten. Wir waren aber damit vor einem Hause begriffen, als ein füchterlicher Knall uns in unsrer Ruhe störte, wobei eine ungeheure Wolke in die Luft stieg. Wir stürzten fast davon zu Boden und hatten nur eben so viel Zeit um unsere Pferde, die sich dadurch erschreckt losgerissen hatten, zu ergreifen. Anfangs glaubten wir, man habe aus Avesne eine Granate ins Dorf geworfen, wir machten uns also schnell auf, nahmen so viel Wein, Käse dgl wie wir fortbringen konnten mit und ritten wieder ins Bivouack, wo auch alle Pferde durch den fürchterlichen Knall sich losgerissen hatten.

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Den folgenden Morgen d. 20. Juni war endlich wieder der erste Tag, an dem wir uns wieder sattessen konnten. Wir kauften Eier, Käse, Milch, Butter etc. und kein Fürst schmeckte sein Essen vielleicht so gut, wie es uns heute schmeckte, indeß dauerte dies nicht lange und wir bekamen Befehl zum Abmarsch, wir bildeten das Soutien der Avant Garde und marschierten so indeß ohne einen Feind zu sehen durch Jumet und Marchienne au Pont über die Sambre. Ungefähr eine halbe Stunde hinter derselben machten wir halt, wo ich mehr nahe dabei in einem Dorfe mein Pferd beschlagen ließ, welches wieder ein Eisen verloren hatte, hier kamen auch zu Elkings großer Freude dessen Handpferde wieder zu uns, der Bediente brachte uns auch Nachricht von einigen unserer Kameraden, welche vom 16. von uns versprengt gewesen waren. Nachmittags brachen wir wieder auf und rückten weiter und erfuhren hier in einem Dorfe, welches wir früher besetzt gehalten hatten, daß unser braver Obrist Lieutnant Lützow, welchen wir bis dahin für tod gehalten hatten, dort als französischer Gefangener zu Mittag gespeiset habe, wir rückten heute noch über die franz. Gränze. Bis dahin hatten uns die Belgischen Einwohner mit ungeheurem Jubel empfangen, jedes Regiment betrat mit Gesang und lautem Hurrah den französischen Boden.
Nicht weit davon vor Beaumont machten wir Halt und blieben die Nacht an einem Berge im Bivouack liegen. Ich wurde mit commandiert etwas weniges Heu, welches auf dem Felde lag, fürs Detaschement mit in Empfang zu nehmen. Auf der Wiese nahe beim Bivouack fanden wir eine Quelle mit sehr gutem Wasser, welches uns recht erquickte. Ich kochte hier mit Dr. Müller ein Huhn, welches ich am Morgen aus dem vorhergehenden Bivouack mitgenommen hatte. Wir genoßen hier einer guten Ruhe, welche indeß am Morgen durch den heftigen Regengüsse zerstört wurde, wodurch der lemigte Boden, auf den wir so aus Mangel an Stroh schliefen, ganz erweicht wurde. Hier war es auch, wo wir uns zuerst seit dem Anfang der Feindseligkeiten wieder wuschen, da wir früher kein Wasser zu diesem Zweck übrig gehabt hatten.

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Am 19. Juni des Morgens 1 Uhr kamen wir durch die kleine Stadt Genappe. Diese war dergestalt mit allen möglichen Wagen angefüllt, daß wir kaum ein bei ein durch dieselbe dringen konnten. Vorn in der Stadt stand ein herrlicher Wagen eines franz. Marschalls, welcher noch mit 4 der schönsten Pferde bespannt war, außerdem fanden wir noch in der Stadt 8 Stück der schönsten Marschallswagen und immer noch eine ungeheure Menge anderer Wagen und Kanonen, ich selbst zählte auf den Weg von Letzteren 185 Stück.
Nach Anbruch des Tages etwa 4 Uhr d. 19. bezogen wir auf etwa 1 St. ein neues Bivouack bei einem Dorfe, woselbst wir noch viele Gefangene in den Häusern machten, die sich versteckt gehabt hatten. Wir holten aus den Scheunen, die mit Verwundeten angefüllt waren, etwas Heu für unsere Pferde, und als ich dies besorgt hatte, legte ich mich nieder, um eine halbe Stunde zu schlafen, da ich kaum die Augen mehr aufhalten konnte. Nachher ließ ich mein Pferd beschlagen, wie es möglich war ohne Stärkung, selbst ohne Schlaf, als den auf unsern Pferden oder in kleinen Zwischenpausen neben seinem Pferde gelegen ist mir unbegreiflich, doch hatte das Glück uns wunderbar gestärkt. Als wir gerade aufbrechen wollten, langte der Wagen Bonapartes an, in dem außer andern Effecten sich dessen Hut & Mantel befand, ohne die er geflohen war. Einige von uns nahmen kleine Andenken an italienischen Büchern mit. Die schönste und kostbarste Beute hatten einige preußische Soldaten, die außer den Orden sämtliche Juwelen von ungeheurem Werthe fanden. So rückten wir weiter bis etwa 10 oder 11 Uhr, wo ein neues Bivouack bezogen wurde, hier passierten wir über das Schlachtfeld von Quatre Bras, welches noch ganz mit Todten bedeckt war und da die Todten hier seit dem 16. unbeerdigt lagen, einen fürchterlichen Geruch verbreiteten. Dicht an dem Schlachtfelde war unser Bivouack. Wir lagen hier wieder in der brennendsten Sommerhitze ohne irgend einige Erquickung, der wir so sehr bedurften. Ich erbot mich wieder freiwillig zur Anschaffung von Lebensmitteln, setzte mich also zu Pferde und fand bald eine Pachtung, die indeß schon größtenteils ausgeplündert und wieder mit Verwundeten angefüllt war, die auch nach Erquickung sich sehnten. Nachdem ich das ganze Haus durchgesucht hatte, fand ich endlich glücklicherweise auf den Boden in einer kleinen Kammer 1 Krucke mit getrockneten Pflaumen, ich nicht faul ergriff dieselben in der größten Eile nach der Treppe, die ich, da ich mich in meine Sporen verwickelte, hinunterstürzte und unglücklicher Weise auf einen Soldaten, den dadurch seine Pfeife zerbrach und darüber heftig schimpfte. Ich ließ mich indeß dadurch nicht irre machen, sondern war blos auf die Rettung meiner Krucke bedacht, die ich auch glücklich heil behielt. Ich schwang mich schnell auf mein Pferd, welches ein anderer Camerad draußen gehalten hatte, und jagte davon und kam glücklich damit ins Bivouack an. Hier füllte ich vorher meinen Futtersack damit und das übrige vertheilte ich an meine Cameraden, die auch sogleich so roh verzehrt wurden, das war das einzige, was wir für heute zu essen bekamen. Am Nachmittag wurde ich nach einem andern Dorfe commandiert, um daselbst Bier zu holen, wovon wir auch ein Faß bekamen. G. Pavenstedt war hier ganz kaput und konnte nur mit genauer Noth aufs Pferd kommen, wobei ich ihn noch half, da er beim Aufsitzen ganz mit dem Sattel wieder herunter kam und nicht mehr so viel Kraft hatte, die Gurte anzuziehen. Hier aßen wir Reis, welchen die Uhlanen weggeworfen hatten, von der Erde aus Hunger auf. Nachmittags 5 Uhr gerade wieder, als die mühsam herbei getriebenen Lebensmittel auf dem Platze anlangten, hies es aufgeseßen und wir mußten dieselben größtentheils wieder im Stiche lassen. Ein Theil der Armee ging die große Heerstraße fort. Wir gingen indeß links von der Chaussee ab bei Gosselis vorbei. Abends 10 Uhr bezogen wir unser Bivouack in einem Dorfe. Hier war es, wo wir den Abend noch beinahe 1/2 St. halten mußten und wo General Tresko, unter dessen Briegade wir gekommen waren, fürchterlich mit den Officieren schimpfte.

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Die Schlacht von Waterloo

(18. Juni)
Bald nach unserer Ankunft in unser Bivouack schleppten wir brav Holz an, um unsere erfrorenen Glieder etwas zu stärken, und da auch allnachgerade der Regen mehr und mehr nachließ, so trockneten wir so gut als möglich unsere Kleider etwas wieder. Nicht weit von hier aus einer Pachtung holten wir auch einen ziemlichen Vorrath Stroh zusammen, indeß Lebensmittel erhielten wir den ganzen Tag nicht, und es war nun schon der zweite Tag, daß wir gehungert hatten. Gröning & Löning, die nach Antwerpen vor Anfang der Feindseligkeiten auf Urlaub gewesen waren, trafen auch heute wieder bei uns ein. Um 10 Uhr des Morgens fing wieder die fürchterlichste Kanonade an und wir erfuhren bald, daß die englische Armee sich mit den Franzosen schlüge. Es währte bis ungefähr 4 Uhr Nachmittags, als wir und das ganze Armeecorps Befehl zum Aufbruch erhielten und bald war auch schon Alles in Bewegung. Wir marschierten vorwärts, um die Franzosen in die Flanke zu fallen, je weiter wir kamen, desto mehr Truppen sahen wir und zuletzt, so weit das Auge reichte, nichts als eine ungeheure Menschenmasse, und ein Regiment suchte dem andern vorzukommen, ganze Infanterie Bataillone sah man, die stets liefen, wir mußten beinahe einen Halt von einer ganzen Stunde machen, indem wir nicht durch die ungeheure Menschenmasse durch konnten. Bald darauf kamen wir bei Quain durch einen ziemlich großen Wald und nahe bei dem Schlosse vorbei, woselbst Stavenüter und ich den Tag vorher Lebensmittel geholt hatten. Von hier gings im Trabe durch einen Hohlweg, hinter welchen wir uns in Zügen formierten und so immer im stärksten Trabe uns dem Schlachtfelde näherten. Wir passierten noch einen kleinen Hügel, kaum waren wir darauf, so hatten wir das ganze Schlachtfeld vor uns. Unsere Artillerie wir schon voran und bereits in Thätigkeit, wir immer im Trabe hinterher. Die feindlichen Kugeln kamen uns schon nahe, indeß durch unser und der Artillerie unaufhaltsames Vordringen, entfernte sich bald das Feuer immer mehr und mehr. Im schlechten Terrain, wo unsere Pferde bis ans Knie im durchweichten Klee versanken, durchjagten wir das Schlachtfeld. Hier ging es über Todte und Verwundete weg, doch wurde gewöhnlich, wenn wir an Artillerie kamen, Platz gemacht. Einen, dem beide Beine abgeschossen waren, trugen zwei seiner Kameraden auf der Muskete vor uns vorbei, er sah todtenblas aus, verzog indeß keine Miene und hatte eine unaussprechliche Ruhe in seinem Gesichte. Wir ritten dicht an den linken Flügel der Englischen Armee vorbei, die uns mit ungeheurem Jubel empfingen, es war Infanterie, die in großen Carrés vorrückte, bald hinter uns zurück blieb. Die Franzosen waren jetzt im vollen Weichen, die sich bald in der unordentlichsten Flucht auflöseten und so war auch bald alle Kanonade vorbei. Bald darauf sank die Sonne und der Mond beleuchtete das ungeheure Schlachtfeld, die Franzosen hatten bei ihrer Flucht mehrere Dörfer in Brand gesetzt und dieses trug noch dazu bei dieses fürchterlich schöne Schauspiel zu vermehren. Von allen Regimentern erschollen die Musiken, die Flügelhörner, die Trompeten und Gesang und auch wir stimmten bald darauf unsere Kriegslieder an, die Feder ist zu schwach, die Herrlichkeit dieses Abends zu beschreiben, ich werde ihn ewig unter den schönsten Abend meines Lebens rechnen, wo die Tyrannei und Despotion durch diesen glorreichen Tag vernichtet wurde. So ermattet und entkräftet wir auch gewesen waren, so wach und munter hatte uns diese herrliche Begebenheit gemacht. Wir passierten eins der brennenden Dörfer und erhielten Befehl die Franzosen mit zu verfolgen. In dem Dorfe war es ganz voll von Kanonen, Baggagewagen, Pulverwagen etc. und hier kamen wir an der Chausée nach Genappe, wo wir auch gleich weiter vorrückten. Unglücklicherweise war uns schon ein Regiment beim Verfolgen zuvorgekommen, indeß setzten wir uns gleich hinter dasselbe. Weiter, je weiter wir kamen, desto mehr war hier alles sozusagen mit Kanonen etc. besaet und man konnte deutlich hierraus ersehen in welcher fürchterlichen Flucht die Franzosen waren. Ungefähr nach einem zweistündigen Marsch machten wir einen Halt von 1/4 St nahe bei einer Pachtung. Diese war ganz mit Verwundeten angefüllt, hier erhielt ich etwas schmutziges Wasser für mich und mein Pferd, indeß an Lebensmittel fehlte es hier ganz und gar. Hier lagen eine ungeheure Menge Cürassiere und Bärenmützen von der franz. Garde, wir marschierten bald weiter und allenthalben war der Weg mit Kanonen etc. bedeckt. Etwas weiter hier erbeuteten wir 2 Wagen mit Branntwein, welches für uns der glücklichste Fund war, indem wir solchen seit dem 14. nicht geschmeckt hatten, wir tranken ihn wie Wasser. Mit gab ein Infanterie-Officier einen großen franz. Kessel voll, auch bekanen wir hier einige Wagen mit Reis, wo ich denn nicht unterlies, meinen Futtersack, welcher schon leer war, gehörig damit zu füllen.

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Glücklicherweise hatte ich den Zügel meines Pferdes um die Hand gebunden, als am nächsten Morgen (17. Juni) zum Aufsitzen geblasen wurde, hatten mich meine Kameraden nur mit Mühe aus dem Schlaf bringen können, und als ich endlich nach vielen Rippenstößen erwachte, lag ich unter meinem Pferde, und da wir gleich aufsitzen mußten, so bekam mein armer Gaul nichts mehr zu freßen, der eben so wenig den Abend vorher etwas gefressen hatte, da ich gleich eingeschlafen war. Wir marschierten gleich darauf ab über Wavre, wir fanden unterwegs zufälligerweise unter unseren Verwundeten einen Bremer, den wir auf ein Leutepferd setzten, welches wir bei uns hatten, und so bis nach Wavre brachten, woselbst er im Hospital blieb. Auf dem ganzen Wege bis Wavre fanden wir noch viele Todte und Verwundete, die sich bis dahin hingeschleppt hatten. Wir marschierten durch Wavre durch, wo uns die Einwohner mit etwas klarem Wasser erquickten, zu essen gab es indeß wieder nichts. Nicht weit von Wavre legten wir uns in ein Kornfeld ins Bivouack, wo uns die Sonnenhitze beinahe verzehrte, wo unsere Pferde indeß doch noch die grünen Aehren fressen konnten. Um hier wenigstens zu suchen, etwas Lebensmittel fürs Detaschement zu erhalten, so wurden Freiwillige aufgefordert um dieses zu thun. Wegen zu großer Ermattung wollte sich keiner melden, bis Stavenüter und ich es endlich thaten. Wir ritten ins nächste Dorf, wo uns die sehr beängstigten Bauern schon mit Brod entgegen kamen. Wir kamen gleich darauf bei einem sehr schönen Schlosse an, ein Adjudant von General Tresko wollte uns den Eingang verwehren, da wir ihn indeß anzeigten, daß wir Freiwillige seien, ließ er uns herein, während andere Soldaten fort geschickt wurden. Wir ließen uns, da die Frau vom Hause, welche allein anwesend war, nichts weiter hatte, einige Eierkuchen machen, die wir mit dem größten Appetit verschlangen und dazu einige Bouteillen alten Wein leerten, indeß nie hatte uns ein Essen so schön geschmeckt wie dieses, wir ließen indeß mehrere Hühner abschlachten und braten, um sie mit ins Bivouack für unsere Kameraden zu nehmen, unsere Pferde wurden hier gut gefüttert. Nicht lange waren wir hier gewesen, als wir eine nicht ganz ferne Cannonade hörten, wobei zu gleicher Zeit ein Gewitter aufstieg mit einem fürchterlichen Regen begleitet. Die Frau vom Hause, die in der fürchterlichsten Angst war, bat mich, sie doch, wenn ich ins Bivouack zurück ritte, zu begleiten, indem sie beim General Tresko um eine Sauvegarde bitten wollte. Da ich dieses nicht gut abschlagen konnte, that ich solches und ritt darauf, mit einigen Bouteillen Wein und Brodt versehen ins Bivouack zurück, während Stavenüter zurück blieb, um die gebratenen Hühner nebst einem Faße Wasser nachzubringen. Bald nach meiner Zurückkunft ins Bivouack hatten wir die ungeheure Freude, den größten Theil unserer Cameraden unter Anführung des Lieutnants Kayser glücklich und wohlbehalten zurückkehren zu sehen. Es war, als wären diese unsere Kameraden jahrelang von uns abwesend gewesen, mit solcher Freude und Entzücken wurden diese, die wir größtentheils todt glaubten, von uns empfangen.
Gegen Abend erhielten wir noch glücklicherweise einen großen Kessel und vom Regiment ein Stück Fleisch, und wir freuten uns schon, doch die Nacht etwas warme Suppe zu erhalten, allein der fürchterliche Platzregen, der die ganze Nacht in Strömen herab schoß, verhinderte uns, ein großes Feuer anzumachen; indeß gelang uns solches endlich, und der Kessel stand auf dem Feuer, woran wir uns, die wir ganz durchnäßt und erstarrt waren, theils schlafend, theils wachend gelegt hatten. Wir freuten uns schon, daß uns bald eine warme Suppe erquicken würde, als uns plötzlich der fürchterliche Ausruf bei den Pferden erschreckte, und wir ganz durchnäßt zu denselben eilten; das Meinige konnte ich Anfangs nicht finden, da es sich vom Bivouackpfahle losgerissen hatte; ich fand es endlich zwischen anderen Pferden, es stand von Regen und Kälte erstarrt da; wir mußten gleich aufsitzen und abmarschieren, und nur mit vieler Mühe gelang es Elking & den Officieren, die Schläfer zu wecken. Wir sahen noch in der Ferne unsern Kessel auf dem Feuer stehen. Wir passierten hier die fürchterlichsten Wege, die durch den noch immer anhaltenden Regen noch schlechter wurden. Der größte Theil von uns schlief fast immer auf dem Pferde. Es war ungefähr 2 Uhr, als wir abmarschierten und ungefähr um 5 Uhr bezogen wir ein neues Bivouack an einem Berge.

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Die Schlacht von Ligny

Den 16. Morgens bald nach Tagesanbruch faßten wir von neuem Position. Gleich darauf bezogen wir die Feldwache und ungefähr um 11 Uhr Morgens, da ich auf der Feldwache und Klugkist & Wehmüller auf Vedette stand, brachten dieselben uns die Nachricht, daß die Franzosen uns näherten und bald darauf begann der Angriff auch mit Losbrennung einiger Kanonen. Unsere Feldwachen wurden also eingezogen, und wir stellten uns wieder beim Regiment in Schlachtlinie; wir zogen uns langsam zurück, und wie wir immer mehr auf eine Anhöhe kamen, so schien mir, sich die feindlichen Massen entwickeln, welche hinter Fleurus und bald darauf durch dieses Städtchen in einer ungeheuren langen Linie zum Vorschein kam. Lützow ließ bald darauf von einer Schwadron unseres Regiments auf ein Regiment Chasseurs, welches sich sehr weit heran gewagt, einen Angriff machen; kaum war die Schwadron im Carrière nahe vor dem Chasseurs Regiment angekommen, als dieses ein heftiges Carabinerfeuer auf dieselben machte und darauf schnell kehrt machte, unsere Uhlanen ließen sich indeß dadurch nicht irre machen, sondern gingen mit ungeheurer Schnelligkeit auf dieselben los, wo das ganze Regiment dann aus einander stob. Bei diesem Angriff verloren wir nur ein Pferd, dahingegeben die Franzosen viele Leute, und unser Rittmeister Kropff brachte einen französischen Obrist mit, welcher sich gerade für Ludwig XVIII. erklärte, als der Rittmeister ihn den Kopf hatte spalten wollen, er kam ganz todtenbleich mit dem Ausrufe, es lebe der König von Preußen, es lebe Ludwig XVIII.! zu uns, wobei er die dreifarbige Cocarde vom Hut riß und rief: Tod für Napoleon! Hagedorn wurde sogleich commandiert, um ihn zum Fürsten Blücher zu bringen. Hier pfiffen uns schon mehrere Büchsenschüsse um die Köpfe, wovon einer dicht bei meinem Ohr vorbei sausete. Wir zogen uns so ganz Schritt vor Schritt, ohne uns in ein weiteres Gefecht einzulassen, nahe bei Tombe de Ligny (ein kleiner Hügel, woselbst Blücher seinen Standpunkte gehabt hatte) durch das Dorf Ligny, hinter welches wir uns aufstellten. Bei unserer Ankunft daselbst trafen wir das dritte Armeecorps, welches sich dort gelagert hatte. Hier mußten wir absitzen, und wir hatten Zeit, unsere Pferde zu füttern und zu tränken. Wir hatten hier noch nicht lange gelegen, als sich eine heftige Cannonade uns zur Rechten gegen das St. Amand immer mehr näherte, und bald darauf erhielten wir wieder Order, aufzusitzen und trafen in die Schlachtlinie, die sich jetzt gebildet hatte und welche sich von St. Amand über Ligny nach Sombret erstreckte; und es entspann sich in diesen Dörfern bald das fürchterlichste Gefecht, wo mehrere Male dieselben mit Sturm genommen, und wieder genommen wurden. In dieser unserer Stellung hatten wir den Anblick des ganzen Schlachtfeldes, wo die Truppen in langen Linien durcheinander fochten. Von den vielen hundert Kanonen, die hier gegeneinander feuerten, hörte man nicht einzelne Schüsse, sondern die Kanonade war wie ein fortwährender Trommelwirbel, und wo auch keine Pause von einer Secunde zwischen blieb und ein ungeheurer Pulverdampf bedeckte alle die fürchterlichen Scenen. Da hierbei keine Cavallerie-Angriffe anwendbar waren, so zogen wir uns hinter die Infanterie und nach einigen hin und her Manövrieren kam der rechte Flügel unseres Regiments unglücklicherweise fort an einem Feldweg zu stehn, und hier hatten wir den fürchterlichsten Anblick der Verwundeten, die durch diesen sich aus der Schlacht zogen. Wir bemerkten bald, daß sich mit diesen viele Ausreißer zurückzogen und wir erhielten deshalb den Befehl, mit unserm Detaschement auf beiden Seiten den Weg zu besetzen, und keine als Verwundete durchzulassen. Hier hatten wir den Anblick der fürchterlichsten Verstümmelten, die durch diesen Weg immer zu durchzogen. Mehrere, denen Arme, Beine abgeschossen waren, wurden hier auf Musketen durchgetragen oder gefahren.
Bald wurden wir von diesem Posten abgelöst, und wir erhielten Order vorzurücken. Wir stellten uns mit 4 anderen Regimentern dicht hinter eine kleine Anhöhe, unser Detaschement wieder voran, zur Deckung einer Batterie, hier war es, wo wir während 2 St dem stärksten Feuer des groben Geschützes ausgesetzt waren; während der Zeit schlug man sich um das Dorf Ligny, welches das Centrum ausmachte und gerade vor uns lag, und welches Bonarparte zu durchbrechen suchte. Unsere Brigade General v. Roder & Oberst v. Lützow hielten sich bei uns; ersterer hatte uns eine sehr gute Stellung gegeben, die kleine Anhöhe hinter der wir standen, gewährte uns bedeutende Vortheile; diese nahm uns manche schwere Kugel, deren stets in großer Menge theils bei uns, theils in unsern und in den neben uns stehenden Regimentern einschlug. Die Regimenter standen alle mit Schwadronen in Colonnen. Die Breite des Detaschements war an und für sich geringer, da sehr viele von uns commandiert worden waren; links ragten die Schwadronsflügel weit über den unsrigen heraus; mehrere Kugeln schlugen dicht an unsern Flügel vorbei und tödteten und verwundeten in der hinter uns stehenden Schwadron mehrere, und wir immer vorne an, standen wir beschützt und uns traf keine Kugel. Von den fürchterlichsten Sonnenbrand gedrückt, hatten wir den ganzen Tag schon nach etwas Wasser geschmachtet, allein es war gar nichts zu haben, bis ungefähr um 7 Uhr sich Deneken & Quentell erboten, aus dem nächsten Dorfe etwas Wasser zu holen, welches sie auch thaten. Da bald darauf die Kugeln häufiger bei uns einschlugen, so ließ Lützow unsere Stellung verändern, und uns links um machen; kaum war solches geschehen, als auch schon eine Kugel gerade auf der Stelle einschlug, wo wir gestanden hatten, und bewarf uns, die wir am rechten Flügel standen, noch ganz mit Erde. So hatten wir schon beinahe 2 St. gestanden, als uns ein heftiger Gewitterregen, der uns zwar ganz durchnäßte, uns jedoch sehr erquickte, überfiel; Vor Durst leckten wir das Wasser von unsern Czako. Bald darauf kam der Graf Gröben, Chef des Generalstabes des General v. Röder, und kündigte uns an, daß alles zum Vortheil unserer Armee sich zu entscheiden schien, da unsere Batterien schon wieder vorgerückt waren, worüber wir dann alle laut jauchzten. Die Sonne war schon tief gesunken und ungefähr 8 1/2 Uhr, als wir den Befehl erhielten, mit 2 andern Regimenter unter Lützows Commando zu attackieren, um unsere Batterie zu retten, da die Franzosen um Ligny vorgedrungen wären, und sich in starken Massen näherten. Wir machten den rechten Flügel der drei Regimenter, und hier häufte sich Unglück auf Unglück, wir gingen mit halbrechts in Trab und Galopp vor, kamen dadurch indeß zu weit rechts und zwar auf ein Battaillon unserer Infanterie, wir mußten mit dem Regimente Front halten, blieben indeß durch die Infanterie einen Augenblick zurück, durch deren Lücken wir nur Mühe hatten, ohne dieselben zu überjagen durchzukommen. Plötzlich kam der alte Blücher dicht zu uns, als er diese Verwirrung sah, und rief: „Mein Gott, wo will die Cavallerie hin;“ allein im wilden Getümmel konnten ihn die Chefs nicht hören, doch brachten wir ihn, als wir ihn kaum erblickt hatten, ein lautes Hurrah, womit wir in Carrière vordrangen. Indeß konnte wohl kein Angriff unglücklicher sein als dieser, der auf dem schlechtesten Terrain ausgeführt wurde, denn immer schneller ging es vorwärts, als wir plötzlich von einem ziemlich tiefen Abhange herunter stürzten. Ich traf glücklicherweise den Weg, welcher hinunter führte, und so blieben wir am rechten Flügel wohlbehalten, während mehrere von uns mit ihren Pferden Kopf über herunter kamen.
Kaum waren wir hier hinunter, als wir uns nahe vor dem Carrè der Franzosen befanden, die von mehreren Kanonen gedeckt und zwei Cürassier-Regimenter unterstützt waren. Wir hatten diese kaum erblickt, als sie uns mit dem fürchterlichsten Kartätschen und Klein Gewehrfeuer begrüßten. In dasselbe hinein zu dringen war unmöglich, es wurde deshalb rechts umkehrtschwenk geblasen, welches indeß nicht mehr mit der größten Ordnung vollführt werden konnte, da wir schon zu sehr durch den Abhang, den wir hinuntergestürzt waren, in Unordnung gerathen waren; während dieser Zeit und da wir schon zurück jagten, flogen uns noch immer die Kartätschen-Kugeln in ungeheurer Menge um die Ohren. Mehrere von uns stürzten hier mit den Pferden, die sich indeß glücklicherweise zu Fuß retteten. Langes Pferd wurde dabei erschossen. Unser Regiment verlor ungeheuer viele Leute bei diesem Angriffe, Lützow, dem das Pferd erschossen war, wurde gefangen genommen, seine beiden Adjudanten, nebst dem Stabstrompeter blieben, der erste Rittmeister Kropff blieb & Petersdorf, dem zweiten Rittmeister wurde das Pferd erschossen. Auch dem Fürsten Blücher wurde dabei das Pferd erschossen, und hätte ihn nicht der Unterofficier Schneider von unserm Regiment, welcher ihn unterm Pferde liegend fand, sein Pferd gegeben, so wäre er ohne Zweifel in Franz. Gefangenschaft gerathen, da die französischen Cürassiere glücklicher Weise, ohne ihn zu erkennen, über ihn weggejagt waren. Wir wurden auf diese Weise von den verfolgenden Cürassieren eine Strecke zurück gedrängt, sammelten uns indeß bald wieder, setzten uns so denselben in den Weg, und sie auch bald wieder zurück trieben, und so schlugen wir uns in kleinen Gefechten noch bis zum Dunkelwerden mit denselben herum, wo noch viele Cürassiere durch unsere Uhlanen ihr Leben einbüßten. Die Erbitterung unserer Uhlanen gegen die Franzosen war fürchterlich, und ich sah, wie einer derselben einen gefangenen Cürassiere rücklings mit der Lanze niederstieß. Es war schon ziemlich dunkel , als ich nach vielem Suchen auf dem Schlachtfelde endlich das Regiment wiederfand. Nach und nach kamen noch einige vom Detaschement zu denselben, worunter sich auch der Major befand. Ungefähr um 11 Uhr verließen wir das Schlachtfeld, wo wir uns mit den übrigen Truppen zurück zogen. Ein Glück war es für uns, und unbegreiflich, daß Napoleon seinen Sieg nicht besser benutzte; denn hätte er es gemacht, wie wir am 18ten bei Belle Alliance, wir wären gewiß total geschlagen worden; so aber zog sich blos das Centrum etwas zurück; die beiden Flügel hingegen bivouackierten die Nacht auf dem Schlachtfelde, und erst gegen Morgen zogen sich dieselben in der größten Ordnung auf Wave zurück.
Wir zogen uns nach dem Dorfe Tilly zurück, bei welchem wir mit unserer Brigade die Nacht bivouackierten. Unterwegs lagen an den Wegen ungeheuer viele Todte und Verwundete, die noch mit dem Tode kämpften. So matt, ausgehungert, durstig wir auch waren, so wartete unser doch keine Erquickung; denn es war weder zu trinken noch das Mindeste zu Essen da, und obgleich wir schon seit dem gestrigen Tage nichts gegessen hatten, so mußten wir doch die Lebensmittel entbehren. Glücklicherweise fand ich noch einen Graben, wo ich etwas meinen Durst löschen konnte. Ungefähr die Nacht um 1 Uhr kamen wir ins Bivouack in ein Kleefeld. Kaum waren wir abgeseßen, als ich auch vor Mattigkeit zur Erde sank und einschlief.

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Nachdem wir am 14ten Juni die Order erhalten hatten, uns beim ersten Allarmschuß zum Regimente zu begeben, so erfolgte dies schon am 15ten des Morgens ungefähr um 4 Uhr, als wir noch alle im Schlummer lagen. Ich lag gerade mit Knaudt in der Scheune, als bald nach den Schüssen ein Uhlane bei uns kam mit einem Briefe von Lützow mit der Order, sogleich aufzusitzen und uns nach Vieuville. dem Dorfe, wo Lützow sein Quartier hatte, zu begeben, da der Feind uns auf mehreren Punkten angegriffen hatte. Wir marschierten sämmtlich dahin ab, ausgenommen einige Kameraden, die den Tag vorher zum Fouragieren nach Sombref (=Sombreffe bei Ligny) commandiert worden waren. Bei unserer Ankunft beim Regiment hatte das Feuer beinahe aufgehört, so daß wir es für einen falschen Angriff hielten, und glaubten wieder in unsere Cantonnierungen zu ziehen, indeß begann bald das Tiralleurfeuer uns zu nahen, und mehrere von uns wurden zum recognoscieren ausgeschickt. Bald darauf kam Pavenstedt, welcher auch commandiert gewesen war, zurück. Unweit Gosselis war er und Weidlich auf ungefähr 30 Mann Franzosen gestoßen, worauf sie von denselben gleich verfolgt sind, und Pavenstedt hatte seine Rettung nur zu verdanken, daß Weidlichs Pferd erschossen wurde, und ihm nicht weiter nachgesetzt wurde. Nicht lange hatten wir uns hier aufgehalten, als schon ein großer Theil unseres Regiments anfing zu plänkeln, schon mehrere Verwundete zu uns gebracht wurden, wo auch die Nachricht des getödteten Lieutnants Dustudick zu uns kam; bald darauf bekamen wir mit einem Theile des Regiments eine Batterie zu decken, und wir hatten uns kaum hinter dieselbe aufgestellt und die Batterie an zu schießen anfing, so richteten die Franzosen auch schon ihre Kanonen auf uns, so daß die Stückkugeln rund um uns her sauseten. Eine Kugel schlug ganz bei Elking seinem Pferde ein, welcher vor unserer Fronte hielt und dicht vor uns in die Erde, so daß die Erde über uns wegflog, indeß ohne irgend jemand von uns zu beschädigen, unter solchem Feuer zogen wir uns immer weiter, jedoch Schritt vor Schritt und in der größten Ordnung zurück. Gegen Abend wurde ich noch mit einigen und einem Officiere zu patroullieren commandiert, welches ungefähr eine Stunde dauerte, bei dieser Gelegenheit kamen wir ganz nahe bei unsern Flankeurs & den französischen vorbei, nach langen hin und herreiten trafen wir endlich unser Regiment wieder. Das Feuer dauerte noch bis nach Sonnenuntergang und erst um 11 Uhr bezogen wir unser Bievouack (=Bivouac, d.h. Biwack) diesseits Fleurus hart am Wege nach Namur. Hier erfuhren wir auch das Unglück des jüngsten Fritze, welchem das Bein abgeschossen war, der indeß schon bei unserer Ankunft dort aus Fleurus nach Namur transportiert war. Hier hatten wir erst Gelegenheit, unsere müden Pferde etwas Futter zu geben und nur mit Mühe konnten wir hier für dieselben etwas schlechtes Wasser bekommen; aus Fleurus wurden etwas Lebensmittel und saures Bier requiriert, welches jedoch nicht hinreichte, um unsere hungrigen Magen zu stillen. Ungefähr die Nacht um 1 Uhr konnten wir uns etwas hinlegen; dies unser erstes Bivouack war sehr schlecht, da es uns gänzlich an Stroh fehlte und nichts als die bloße harte Erde zu unsern Lager übrig blieb.

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Den 14. Abends erheilten wir von Lützow einen Paradebefehl, die Order Schnurrposten auszustellen und beim ersten Allarmschuß aufzusitzen und uns zu seinem Quartier zu begeben. Wir standen hier bei der 4ten Brigade, welcher unser Regiment zugeteilt war. Es ereignete sich hier am 14ten eine sonderbare Begebenheit. Ich benutzte diesen Tag, sowohl als auch mein Camerad Pavenstedt, nun nach Hause zu schreiben an meinen Vater. Wie schon oben gesagt, hatten wir in einer kleinen Bauernhütte ein ganz kleines Gemach, Zimmer kann man es nicht nennen, mit einem Fenster kaum 3 Fuß hoch, als wir beide im Zimmer sitzend in der Ferne Kanonendonner hörten, der indeß verstummte, sobald wir den Kopf aus dem Fenster steckten. Wirkliche Kanonenschüsse waren es nicht, da an diesem Tage an der ganzen Linie in Wirklichkeit kein Schuß gefallen war, wie wir nachher hörten! Was war das also, es mußte eine Vorahndung an die kommenden blutigen Tage sein !!!

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D. 7. marschierten wir von hier ab und änderten unser Quartier, wo wir von dem Felddienst von einem Dragonerregiment abgelöst wurden. Wir marschierten nach Lütte (1), einem schlechten Dorfe, wo wir fast alle sehr schlechte Quartiere hatten. Ich lag hier zusammen mit Knaudt & Pavenstedt. Unsere Pferde standen in der Scheune, indem wir keinen Stall hatten, auch schliefen wir bei denselben, da das Haus eine erbärmliche Hütte war. Wir waren hier im ganzen noch ziemlich vergnügt und die Zeit verstrich uns noch sehr angenehm. Wir blieben hier bis zum 14. Juni. Unter der Zeit hatten wir noch einige Revuen und daß wir zuweilen exerzierten, war alle unsere Arbeit.

(1) Diesen Ort habe ich nicht identifizieren können. Über hilfreiche Hinweise freue ich mich!

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D. 5. und 6. Juni fiel nichts besonderes vor.

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D. 4. hatten wir wieder Revue vor dem General Fresko.

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D. 3. hörten wir wieder Schüsse fallen, allein es folgte nichts darauf.

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Die Nacht auf den 2. Juni entstand ein blinder Allarm, es hatte nämlich der Schnurrposten, welcher jede Nacht ausgestellt wurde, einen Schuß fallen hören, worauf wir alle schnell sattelten und uns zu des Majors Quartier begaben; allein wir kehrten unverrichteter Sache wieder zurück.
D. 2. Juni hatten wir bei dem Dorfe Jamignon Revue vor dem General Steinmetz.

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Mit uns waren noch mehrere von uns bei der Feldwache angelangt, und wir setzten uns den folgenden Morgen d. 30. May zusammen in Marsch nach der Fume la Corbeillerie (?) nahe bei Thuine, wo wir mit Kayser und ungefähr 10 Mann zu liegen kamen. Wir hatten hier ein gutes Quartier und lagen hier sehr nahe an der französischen Grenze. Wir lagen auf den Pachtungen fast alle zusammen. Wir schliefen sämmtlich in der Scheune und hatten Order unsere Sachen so beisammen zu haben, daß wir jeden Augenblick satteln konnten.

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Ich ritt den folgenden Morgen (29. Mai) mit noch 8 Mann zu einer der haupt Feldwachen, die wir ablösten. Von hier wurden wir wieder auf 3 andere Feldwachen vertheilt. Ich blieb mit Remling & Quentell bei den letzten, die sowie die Übrigen jede 12 Mann stark war. Von dieser waren 2 Vedetten (1) und 1 Schnurrposten (2) ausgestellt gewesen, da wir indeß nur in Allem 3 Mann waren, so wurde 1 Vedette eingezogen. Also waren immer 2 Mann auf dem Posten, und einer auf der Feldwache. Die Posten wurden alle 2 Stunde abgelößt, so mußten wir denn, wenn wir von der Vedette kamen, gleich auf Schnurrposten; also 4 Stunden standen wir und nur 2 St. hatten wir Ruhe. Es war ein saurer Tag für uns, die wir das noch nicht gewohnt waren, dabei brannte die Sonne den ganzen Tag uns fürchterlich auf den Kopf. Unsere Stellung war nahe bei dem Dorfe Charpien, woselbst ein Bataillon Infanterie lag. Vor uns lagen mehrere französische Dörfer, die wir von der Anhöhe, wo wir als Vedette standen, ganz übersehen konnten. Mein Pferd hielt eine St. gut aus, wie ich auf Vedette stand, aber nachher wurde es unruhig und drehete sich immer herum. Am Mittag brachten uns die Bauern, deren immer zwei bei der Feldwache waren, um uns als Boten zu dienen, ein recht gutes Essen, welches wir mit vielem Appetit verzehrten. Da wir sehr spät erst abgelöst wurden, so fürchteten wir Anfangs, daß wir die Nacht noch bleiben sollten, welches für uns sehr schlimm gewesen wäre, da wir noch nichts vom Vorpostendienst verstanden. Endlich kam um 9 Uhr unsere Ablösung, wir zogen deshalb unsern Posten ein, da es indeß schon dunkel war und wir ohne Feldgeschrei (3) nicht die Vorpostenkette passieren konnten, so ritt ich nach dem Dorfe Charpien, um von dort den sich befindlichen Rittmeister Kropff (welcher am 16. Juni in der Schlacht bei Ligny blieb) das Feldgeschrei zu holen. Wie ich zurück kam, ritten wir in Begleitung eines Boten ab. Wir ritten nach unserer Instruction längs der Vorpostenkette hin, um alsdann bei der Hauptfeldwache unsere weitere Bestimmung zu erhalten. Nachdem wir eine gute halbe Stunde geritten waren, und immer bei unsern Vedetten vorbei gekommen waren, hörte dieses nach einiger Zeit auf, und wir merkten bald, daß wir vom rechten Wege gekommen waren, und nachdem wir unsern Boten fragten, wo wir seien, so antwortete er uns, er wüßte es nicht, und waren hier ganz unbekannt, wir vermutheten, daß er uns mit Fleiß auf den unrechten Weg gebracht hatte, um uns den Franzosen in die Hände zu liefern; wir zogen ihm deshalb zur Strafe einige mit dem Kantschuh über und kehrten gleich wieder um bis zur letzten Vedette, wo wir denn auch erfuhren, daß wir bereits die Grenze passiert gewesen wären, und uns wahrscheinlich nicht weit von der französischen Feldwache befunden hätten. Wir nahmen den Boten gebunden zwischen uns und lieferten ihn an die nächste Feldwache ab, wo wir einen andern bekamen, der uns zur Hauptfeldwache bringen mußte, wo wir erst 12 1/2 Uhr ankamen, und uns bei dem wachhabenden Officiert meldeten, der, da er keine Order für uns hatte, uns die Nacht bei sich behielt, wo wir uns in die Scheune zum Schlafen legten.

(1) Vorgeschobene Alarmstellungen einer Feldwache.
(2) Einzelne Schildwachen in der Nähe eines Feldpostens.
(3) Parole/Kennwort.

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Den 28. Mai rückten wir erst um 7 Uhr aus, da wir bei Charleroi die Revue vor General Ziethen (1) passieren sollten, dieser commandierte das erste preußische Armeecorps, wobei unser Regiment auch stand, und welches im ganzen ungefähr 30.000 Mann stark war. Wir marschierten durch Charleroi und ritten alsdann hinter der Stadt vom Wege ab auf eine Wiese. Hier waren schon mehrere Truppen versammelt, und Ziethen wollte uns bei der Gelegenheit ebenfalls mit vornehmen. Nachdem er der Reihe nach bei uns vorbei geritten war und nach den Namen eines Jeden gefragt hatte, hielt er eine kurze Rede an uns, worin er vielen Unsinn hervor brachte, er sagte unter andern, er freute sich, daß die Stadt Bremen so patriotisch sei und uns ausgerüstet habe, welches wie bekannt eine verdammte Lüge war, da solches erstlich ein jeder auf eigene Kosten gethan hatte, und die Stadt uns Alles Mögliche in den Weg legte und uns nicht ziehen lassen wollte. Überhaupt gefiel er uns allen nicht, und wir haben späterhin noch gesehen, daß er noch einer von den alten, steifen Preußen war, die so recht den Kamaschendienst (2) noch beibehalten wollten, woran wir uns als Freiwillige nicht gut gewöhnen konnten. Übrigens war er als General ein tüchtiger Kopf, welches er auch in diesem ganzen Feldzuge bewies. Als Ziethen uns verlassen hatte, ritten wir weiter, um uns zum Obersten v. Lützow zu begeben. Wir machten bei einem kleinen Flecken halt, wo Lützow uns sämmtliche Trompeten vom Regiment entgegen geschickt hatte. Bald darauf kam er selbst mit seinem Adjudanten zu uns, hielt eine kurze, aber schöne Rede an uns und begleitete uns darauf zu unserm Dorfe. Dies war das schlechteste Dorf, welches wir bis dahin gehabt hatten; es bestand aus 6 oder 8 erbärmlichen Hütten, und der größte Theil unserere Pferde mußte unter freiem Himmel stehn, allein es war nicht möglich gewesen, uns bessere Quartiere zu geben, da hier alles voll Truppen lag. Das Dorf hieß Bemont (=Beaumont?). Wir lagen hier kaum 10 Minuten an der französischen Grenze, dabei macht dieses Dorf einen spitzen Winkel in das französische Gebiet hinein, so daß wir zu beiden Seiten dasselbe hatten. Wir bekamen deshalb Order, die Nacht einen Schnurrposten (3) auszustellen. Am Abend bekamen wir von Lützow noch Order, den folgenden Morgen die Feldwachen und Vorposten zu beziehen, die das Regiment besetzt hatte, das es vor Ziethen die Revue passieren sollte.

(1) Hans Ernst Karl von Zieten (1770-1848)

Hans Ernst Karl von Zieten
(2) Zu dieser Zeit ein häufig gebrauchtes Wort für eintönigen und pedantischen Militärdienst.
(3) Einzelne Schildwache in der Nähe eines Feldpostens.

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D. 27. Mai setzten wir unsern Marsch fort, unsere Bestimmung war nach Charleroi, da indeß schon viele Truppen dort lagen, so blieben wir diesseit Charleroi, einem schlechten Dorfe Gilet (1), wo wir sehr zerstreut lagen. Ich hatte mit Pavenstedt ein sehr schlechtes Quartier, nahe bei einem großen Holze. In unserm Quartier war ein altes, unkluges Weib. Beim Hause war eine schöne Wiese, wo wir unsere Pferde grasen ließen, und wobei sie sich recht bené thaten.

(1) Diesen Ort habe ich nicht identifizieren können. Über hilfreiche Hinweise freue ich mich!

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D. 26. bekamen wir hier Rasttag.

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Den folgenden Morgen am 25. Mai setzten wir unseren Marsch fort. Leider mußten wir den halben Berg wieder hinunter reiten, da wir durch Huy über die Maas gingen. Huy hat eine ganz herrliche Lage, indem sich fast rund um die Stadt die ungeheuersten Felsen aufthürmen. Wir marschierten jetzt am rechten Ufer der Maas hin. Zu unserer linken hatten wir eine ungeheure Felsenwand, die sich von der Chaussee scharff in die Höhe hob, ungeheure Felsenstücke hingen oft schräg über unserm Haupt und schienen uns zermalmen zu wollen. An vielen Stellen hatte man, um die Chaussee breiter zu machen, von diesen ungeheuren Felsen abgehauen. Auf dem ganzen Wege bis nach Namur hatten wir immer zur linken diese Felsenwand und dicht an der Chaussee zur Rechten die Maaß, dies war eine der malerischsten Gegenden, die wir in unserm ganzen Feldzuge sahen. In Namur lag der Fürst Blücher (1), von dem wir vorbei passiren sollten, deshalb wurde vor der Stadt halt gemacht, um uns des Staubes zu entledigen, von dem wir bei dem trockenen, heißen Wetter so ziemlich bedeckt waren. Der alte Held hatte uns anfangs selbst entgegen reiten wollen, allein eine Unpäßlichkeit hinderte ihn daran, er kam indeß in der Stadt nach einer der Hauptstraßen, wo wir an ihm vorbei marschieren mußten. Er war von Gneisenau (2) und von seinem ganzen General Stabe begleitet. Wir machten einen Augenblick halt, wo er mit einigen von uns sprach. Es war das erste Mal, wo wir diesen Befreier Deutschlands mit seinen ehrwürdig grauen Haaren sahen. Auf seinen Befehl bekamen wir hier alle Officierquartiere. Ich lag mit Klugkist und Pavenstedt bei einem Confectbecker.

Gebhard Leberecht von Blücher (1742-1819)

(1) Gebhard Leberecht von Blücher (1742-1819)

August Neidhardt von Gneisenau (1760-1831)

(2) August Neidhardt von Gneisenau (1760-1831)

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D. 24. Mai setzten wir unsern Marsch fort. Unser Weg ging längs der Maaß hin, wo wir die schönsten Parthien passierten, die sehr viele Ähnlichkeit mit den Rheingegenden hatten. Eine Stunde hinter Lüttich, wo wir unsere Frühstückspause hatten, lag ein sehr künstlich gebauter Thurm, welcher zu einem nahen Landhause gehörte; er schien als Lusthaus zu dienen. Mehrere von uns bestiegen ihn. Unsere Bestimmung war heute nach Huy, einem Städtchen an der Maaß, da indeß schon viele Truppen da lagen, so mußten wir, nachdem wir eine Stunde beinahe vor der Stadt in brennender Sommerhitze Halt gemacht hatten, wieder zurück, da wir nach einem Dorfe Frae (1) detaschiert wurden. Vor Huy traf mit uns zugleich eine Abtheilung Husaren von der ehemals russisch-deutschen Legion zusammen, die von Lieutnant Lützow (2) angeführt wurden, um als Ergänzung für unser Regiment zu dienen. Wir hatten eine sehr beschwerliche Tour nach dem Dorfe zu machen, da wir einen ziemlich hohen und steilen Berg mit unsern Pferden erklettern mußten. Allein oben hatten wir eine schöne Aussicht, wo unten die Stadt Huy lag und die Maaß sich zu unsern Füßen schlängelte, die wir noch weit hin sehen konnten. Wir lagen hier fast alle auf zwei Pachthöfen zusammen. Ich lag mit 16 Mann, das Quartier war so ziemlich, indeß schliefen wir alle auf dem Heuboden.

(1) Bei den französischen Namen bekam Gildemeister oder der Abschreiber des Tagebuches Probleme: „Huy“ wurde nachträglich mit Bleistift aus „Hag“ korrigiert, der Name des Quartierortes bei Huy ist ebenfalls korrigiert, ich konnte ihn bisher aber nicht identifizieren.
(2) Ludwig Adolf Wilhelm von Lützow (1792-1834).

Huy

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D. folgenden Tag (23. Mai) hatten wir wieder Rasttag, wo wir denn die Stadt etwas in Augenschein nahmen. Lüttich ist eine sehr große Stadt und vorzüglich wegen den schönen Gewehrfabriken, deren es hier mehrere gibt, sehr berühmt. Die Stadt ist an und für sich selbst nicht hübsch, da sie fast lauter krumme und enge Straßen hat, die alle so wie Düsseldorf & Cölln mit sehr glatten schwarzen Steinen gepflastert sind, dabei ist die Luft sehr dumpfig, wegen der Steinkohlen, die man hier brennt, und die den Häusern ein schmutziges Ansehen geben; übrigens liegt Lüttich in einer der schönsten Gegenden, besonders hatten wir von dieser Seite die schönste Aussicht davon, da es nämlich plötzlich vor uns in einem herrlichen Thale, welches ringsumher mit schönen Bergen und Hügeln umgeben ist, auf welchen allenthalben Schlößer und Lusthäuser liegen, durch welchen die Maaß sich schlängelt und wovon Lüttich mit seinen vielen schönen und hohen Thürmen liegt. Lüttich ist sehr stark bevölkert und sie war die lebhafteste Stadt von allen, welche wir bis jetzt passirt waren. Nichts ist hier unangenehmer als die vielen Bettler, womit man sowohl in der Stadt als auf den Landstraßen allenthalben umgeben wird, und die nur um etwas zu erlangen einem die größten Ehrentitel bis zum Prinz beilegen. Ich speisete den Mittag mit Elking, Kulencampff & Kayser bei Poiet, von dem wir eingeladen worden waren.

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Den 22. Mai kamen wir nach Lüttich. Erst in dem dritten Quartier blieben wir hier, in dem Ersten war die Thür verschlossen, im zweiten, wo im vorigen Feldzuge von den hanseatischen Musicis gelegen hatte, konnte man uns nicht haben, da es schon besetzt war; wir mußten also wieder fort, bis wir endlich ein Billet auf catholischen Pfaffen bekamen, welche uns anfangs auch wieder wegschicken wollten; wir ließen uns dieß indeß nicht gefallen, sondern blieben hier, wir hatten es sehr gut und übrigens war der Pater ein sehr guter und dabei vernünftiger Mensch.

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D. 21. Mai setzten wir unsern Marsch fort und kamen heute nach dem Dorfe Petit Rechain, der erste Ort, wo französisch gesprochen wurde. Ich hatte mit Knaudt ein ziemlich gutes Quartier, nur waren unsere Pferde zu weit vom Quartier, nämlich im Stall eines sehr hübschen beim Dorfe gelegenen Schloßes, welches indeß unbewohnt war.

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Da wir den folgenden Tag (20. Mai) Rasttag hatten, so benutzten wir den, um so viel wie möglich die Merkwürdigkeiten der Stadt zu besehen. Wir besahen zuerst den Dom in Aachen, ein sehr schönes Gebäude, in dieser Kirche war auch das Grabmal Kaiser Karls des Großen, uns wußte niemand den Platz anzugeben, wo sich solches befände, und nach vielem Suchen fanden wir es endlich selbst. Es lag nämlich ein einfacher Stein, ohngefähr in der Mitte der Kirche zu unsern Füßen, worauf klar die beiden Worte Carolus magnus standen. Darauf verfügten wir uns zum Rathhause, welches noch mit Gerüsten von der Huldigung umgeben war, wir besahen hier den großen Krönungssaal, wo sonst die Deutschen Kaiser gekrönt worden waren und worin zugleich im Jahre 1748 der berühmte Aachener Friede abgeschlossen war. Die Seitenwände und ein Theil des Bodens waren mit den Bildnissen der Gesandten geziert, welche diesen mit abgeschlossen hatten. Den Nachmittag bestieg ich mit einigen Cameraden unter anderen auch unsern Fußgängern v. Kapff, Walte und Icken, den nahe bei Aachen gelegenen Louisberg, auf welchem ein sehr elegantes Kaffeehaus angelegt ist. Da dieser Berg ziemlich hoch ist, so hatten wir ein ziemlich Stück Arbeit zu bestehen, indeß wurden wir durch die himmlische Aussicht besonders dafür belohnt. Auf der einen Seite lag Aachen und Burtscheid auf der Seite ein herrliches Thal zu unsern Füßen ausgebreitet, welches auf das Schönste angebaut war. Wir tranken hier erst einen Caffee und bestiegen darauf noch die höchste Spitze dieses Berges, welches zugleich die höchste dieser ganzen Gegend ist. Oben auf demselben stand eine ziemlich hohe Pyramide, welche Bonaparte dort hatte errichten lassen. Nachdem wir wieder heruntergestiegen waren, besuchten wir noch das Schauspiel, welches eben nicht sehr brilliant war, indeß fanden wir unsere bekannte Schauspieler daselbst.

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Wir setzten den 19. Mai unseren Marsch nach Aachen fort, wir kamen indeß nicht in der Stadt zu liegen, sondern nach Burtscheid, einem kleinen Städtchen, welches unmittelbar an Aachen liegt und mit dazu gehört. Hier sind besonders die vielen heißen Quellen, die als Bad so häufig besucht werden. Es liegt am Berge und hat einige sehr steile Straßen. Obgleich wir heute ein fürchterliches Regenwetter hatten, so kam der in Aachen commandierende preußische General Thragsche uns doch entgegen und heilt eine kurze, aber kräftige Rede, worauf er uns bis zu den Thoren von Burtscheid begleitete, wir bekamen wieder alle Officier Quartiere. Ich lag allein und war sehr zufrieden, mein Pferd stand außer der Stadt.

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D. 18. Mai setzten wir unsern Marsch fort, wir sollten nach Julich, unterwegs kamen uns indeß die Quartiermacher entgegen und wir wurden nach dem nahe gelegenen Dorf Inden detaschirt, die Quartiere waren eben nicht die Besten, so auch das Meinige. Wir sangen hier in einem Holze, welches nahe beim Dorfe lag, und wo dicht dabei ein kleiner Bach floß, an welchem wir ein Bombardement gegenseitig anstellten, und darauf einen hübschen Spaziergang nach der nahegelegenen Papiermühle machten.

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Den 17. Mai gingen wir von hier weiter. Wir passierten 1/4 St. oberhalb Düsseldorff in 2 Prahmen (1) den Rhein. Mit einem dreimaligen Hurrah fuhren wir über. Wir kamen durch die Städte Hamm & Neuss, an letzteren Ort hatten wir schon mit der Ehrengarde gelegen. Wir bekamen unser Nachtquartier in einem elenden Dorfe Gatzweiler, wo ich allein lag. Hier bekam Stöver & Wehmüller Streit. Sohner aus Bremen schloß sich hier an uns an, um mit unsern Fußgängern sich mit zum 25. Regiment zu begeben. Auch marschierte von hier ein junger Mensch mit uns, welcher den vorigen Feldzug schon mit gemacht und das eiserne Kreuz erhalten hatte, er wollte sich an das Detaschement der Brandenbuger Husaren schließen. Dies Regiment wurde späterhin bei Versailles fast ganz zusammen gehauen, und wir trafen diesen jungen Menschen, welcher nur mit wenigen vom Detaschement verwundet davon gekommen war, in Versailles wieder an, er hatte 5 Wunden bekommen.

(1) Kleines flaches Boot zum Transport leichterer Lasten in der Binnenschifffahrt und Fähre zum Übersetzen.

Prahm

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Da wir den folgenden Tag (16. Mai) hier wieder Rasttag bekamen, so wandte ich diesen dazu an, um die Stadt zu besuchen. Düsseldorff ist eine sehr hübsche Stadt, regelmäßig gebaut, mit vielen geraden Straßen versehen. Das Pflaster besteht aus schwarzen gehauenen Steinen, welche viereckig sind und sehr glatt, und auf den man oft riskirt, niederzuschlagen, besonders war es schlimm für dei Pferde. Der Wall um Düsseldorff ist zum öffentlichen Spaziergang sehr hübsch eingerichtet und hat viele Ähnlichkeit mit dem Bremer Wall, ist indeß bei weitem kleiner; er hat den Vortheil, daß die Contrescarpe unmittelbar an den sehr schönen Schloßgarten stößt, wo es bei schönem Wetter und besonders des sonntags immer von Beau monde wimmelt.

Duesseldorf_Stadtplan_1809

Erst wenige Jahre zuvor waren die ehemaligen Befestigungen der Stadt zu Anlagen mit Englischen Gärten, Alleen und Promenaden umgestaltet worden (Stadtplan von 1809)

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Leider marschierten wir den folgenden Morgen, d. 15. Mai von hier wieder ab, gerne wären wir hier noch einige Tage geblieben, da wir hier alle so ausnehmend freundschaftlich behandelt worden waren, allein wir durften nicht. Elberfelder, unter andern Webers Bruder, begleiteten uns noch eine Strecke Weges. Wir marschierten heute nach Düsseldorff, wo wir sämmtlich wieder auf Befehl des Gouverneurs Gruner (1) Officier Quartiere bekamen, obgleich schon einige hundert Officiere hier lagen, diese Quartiere schon größtentheils besetzt hatten. Die Quartiere waren gut, indeß taugt das Volk nichts hier, das noch alles verdammt französisch gesinnt ist. Ich lag mit Pavenstedt zusammen und wir hatten gleich Lärm, da uns das Volk statt ein Zimmer anzuweisen, in der Küche stehen ließ; da wir nach dem Quartierbüreau schicken wollten, um uns ein anderes Quartierbillet zu holen, indem sie schon zwei Officiere hatten; allein ich machte wenig Umstände, sondern erbrach die erste beste Thür, wo ich mich mit meinen Sachen hineinfügte. Pavenstedt war da wieder einquartiert und ich blieb da. Unsere Pferde standen im Casernen-Stalle und beinahe eine viertel Stunde von meinem Quartier, welches mir viele Arbeit machte. Da heute die Huldigung in Achen war (s. Anm. zum Vortag), so war zu deren Feier ein Ball in Düsseldorff, wozu wir sämmlich vom Gouverneur Gruner eingeladen wurden. Ich ging auch hin, da ich indeß meines Kniees wegen nicht tantzen konnte, so blieb ich nicht lange daselbst.

(1) Justus von Gruner (1777 Osnabrück – 1820 Wiesbaden) war von Februar 1814 bis nach der Schlacht von Waterloo im Juni 1815 Mitglied des Generalgouvernements Mittelrhein, danach wurde er Polizeidirektor des besetzten Paris und sorgte in dieser Funktion für die Rückführung der unter Napoleon geraubten Kunstschätze.

Justus von Gruner (1777-1820)

Justus von Gruner (1777-1820)

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Da die Elberfelder uns als Bremer doch gerne bei sich haben wollten, so marschierten wir, da die Truppen den folgenden Tag (14. Mai) Elberfeld verließen, dahin ab; wir hatten nur ungefähr eine halbe St. bis dahin zu machen, weßhalb wir denn sehr früh dort ankamen. Da der größte Theil von uns dort Bekannte hatte, so standen auch die Namen derer von uns schon auf den Quartierbilletten, die bei ihnen logieren sollten. So kam ich bei Platzhoff zu liegen, der sich meine Person ausgebeten hatte. Ich wurde hier sehr freundschaftlich aufgenommen. H. Platzhoff war nich zu hause, da er zur Huldigung nach Aachen gereist war (1). ich traf daselbst Mad. Wilmanns noch an, die schon eine geraume Zeit dort gewesen war. Auch Webers Eltern, an denen ich ein Empfehlungsbrief hatte, besuchte ich. Kayser logierte bei ihnen, sie luden mich zum Abendessen ein, allein da ich mich schon bei Platzhoff engagirt hatte, so konnte ich es nicht annehmen, indeß machte ich zusammen mit ihm einen sehr schönen Spaziergang nach einem nahe gelegenen Berge, von wo man die himmlischte Aussicht hatte. Vor uns lag das herrliche Wupperthal, wodurch sich der kleine Fluß die Wupper schlängelte, links von uns lag Barmen mit seinen schwarzen Dächern. So weit das Auge reichte, sah man das schön angebaute Land mit Hecken durchschnitten, worauf man wieder schöne Kornfelder, Weide und Vieh sah, allenthalben mit Häusern & Flecken untermischt. Es war hier auf der Fart besonders lebhaft, da es Sonntag war und der größte Theil war mit ihren Wirthen hier. Wir kehrten sehr vergnügt unter Gesang, wobei viele Frauenzimmer mit waren, nach Hause zurück. Am Abend aßen Gröning & Icken mit uns bei Platzhoff.

(1) Am 5. April 1815 hatte der preußische König Friedrich Wilhelm III. die Rheinlande in Besitz genommen und ließ sich – vertreten durch einen General und den späteren Oberpräsidenten der preußischen Provinzen am Rhein (seit 1822/30 Rheinprovinz) – am 15. Mai in Aachen von Vertretern der Rheinlande huldigen.

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D. 13. Mai setzten wir unsern Marsch fort. Wegen des gestrigen Setztens verschliefen wir es heute, und das Detaschement war schon zum Abmarsch fertig, als wir erwachten, unsere Pferde bekamen deshalb kaum eine Handvoll Hafer. Der heutige Marsch war eines der angenehmsten, den wir bis zum Regiment gemacht hatten, da wir durch die schönsten Gegenden passierten und allenthalben durch sehr blühende und wohlhabende Manufacturörter passirten, die weißen Häuser hatten größtentheils schwarze Dächer, dies, die starke Bevölkerung und dabei die herrliche Gegend machen das bergigte Land zum Paradiese. Unsere Bestimmung war heute eigentlich Elberfeld, da indeß schon viel Truppen daselbst lagen, so mußten wir gleich hinter Barmen, einem sehr hübschen Manufacturstädtchen, welches eigentlich mit Elberfeld zusammen hängt, links abmarschieren, wir hatten hier einen ziemlich hohen Berg zu ersteigen, welches unsern Pferden sehr sauer wurde, von wo aus wir die schönste Aussicht ins Thal hatten. Wir bekamen unser Nachtquartier im Städtchen Rondsdorf, auch eine kleine, aber hübsche Manufacturstadt, und alle sehr gute Quartiere. Ich lag beim Advocaten und hatte mein Pferd beim Hause stehen.

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Den folgenden Tag (12. Mai) bekamen wir Rasttag. Den Abend wurden wir durch Rösing auf Punsch gesetzt zur Feier der Hochzeit seines Vaters. Hier stieß noch ein junger Student zu uns, welcher sich auch als Freiwilliger zu den Hellwigschen Husaren (1) begeben wollte. Sein Name war Ilefeld. Er schloss sich hier an uns und blieb die ganze Zeit bis zur französischen Gränze bei uns.

(1) Karl Ludwig Friedrich Hellweg (1775 Braunschweig-1845 Liegnitz) war im Sommerfeldzug 1815 gegen Napoleon Kommandeur des 2. Rheinischen Husaren-Regiments Nr. 9 der preußischen Armee.

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Den 11. Mai setzten wir unsern Marsch fort und kamen heute nach Witten, einem ziemlich großen Dorfe, welches an der Ruhr lag. Ich bekam mit Pavenstedt ein recht gutes Quartier. Rösing, den ich besuchte, hatte ein herrliches Quartier und dabei in einer sehr angenehmen Lage, unmittelbar an der Ruhr, von wo man zu dem jenseitigen Ufer die herrlichste Aussicht hatte. Wir ließen hier zugleich unsere Pferde in der Ruhr schwimmen und nachher ließen wir sie auf die gleich am Flusse liegende Weide laufen, wo sie sich recht bené thaten. Darauf ließen wir uns mit mehreren, worunter Heinemann & Gröning waren, über die Ruhr setzen und machten einen sehr angenehmen Spaziergang in eine herrliche gebirgigte Gegend, worin wir mehrere Stunden herumstreiften; wir stießen hier auf ein Schloß, welches in einer ganz reizenden Gegend zwischen den Bergen lag, und von wo aus man die schönste Aussicht über die Ruhr hatte. Es gehörte einem Herrn v. Elberfeldt, welcher uns, da wir aufs Schloß gingen, sehr höflich aufnahm und uns mit vieler Bereitwilligkeit noch einige sehr schöne Parthien hier zeigte und uns darauf nach einer St. in Kohlengrube führte; wir gingen einige 100 Schritt in einen Gang hinein, da jetzt indeß nicht darin gearbeitet wurde und es daher darin ganz finster war, so mußten wir bald wieder umkehren. Da unser Führer uns wieder auf den rechten Weg gebracht hatte, verließen wir ihn unter vielen Danksagungen und traten unsern Weg wieder nach Hause an; das schönste Wetter hatte diesen Spaziergang begünstigt, so daß wir sehr zufrieden nach Hause kehrten. Am Abend wurden wir von Gröning gesetzt, dies war vor dem Wirthshause des Dorfes, wo beim Dunkelwerden Lichter angesteckt wurden. Wir waren alle sehr vergnügt und es wurde bis spät hin gesungen. Fast das ganze Dorf versammelte sich um uns, das seine größte Freude darüber bezeugte, und unser Wirth versicherte uns, sie hätten nicht eine solche fidele Einquartirung gehabt, wie wir wären.

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Den 10. Mai marschierten wir von hier unter Begleitung des reitenden Jägerdetaschements ab. Ich mußte Pavenstedts Pferd, das von einer Kuh ein ziemlich tiefes Loch im Bug in unsern Stall in Münster gestoßen war, ziehen, wovon ich viele Mühe hatte, da das Thier vor Schmerz das Bein nicht recht zusetzten wollte. Wir kamen heute nach dem kleinen Städtchen Werne; da es hier sehr an Ställen fehlte, so mußten unsere Pferde im Kuhstall stehen. Ich lag mit Huntemann & Pavenstedt zusammen, wir hatten ein ziemlich mittelmäßiges Quartier. Beim Apell wurde Hanenwinkel, welcher von der Ehrengarde noch den Beinamen von Commandant hatte, auf des Majors Stuhlwagen in der Stadt von uns herumgezogen, den Abend sangen wir in unserm Quartier meine mitgenommene Terzette.

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Auf den 9ten Mai Mai blieben wir noch hier, wo wir die Jäger wieder setzten. Ich traf hier Homann, welcher unter den hier errichteten Fußgängern war, noch an.

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Am 8. Mai setzte uns ebendaselbst der General Fink.

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Den 7ten marschirten wir weiter nach Münster. Wir wurden hier mit vieler Auszeichnung behandelt, da eine Stunde von der Stadt der Gouverneur Finke und der General Heister uns entgegen ritten und auch eine halbe Stunde von der Stadt kam auch das in Münster errichtete freiwillige Jägerdetaschement uns entgegen, welches uns mit einem dreimaligen Hurrah empfing und uns darauf zur Stadt begleitete. Auch hier in Münster bekamen wir wieder alle Offciersquartiere, das Meinige war eben nicht das Beste. Wir wurden auf den Abend vom dortigen Detaschment im Schloßgarten eingeladen, wo wir beim Gesang & Wein recht vergnügt waren.

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Den 6. Mai setzten wir unsern Marsch fort; bis Iburg begleiteten uns noch mehrere Osnabrücker; hier passirten wir durch die romantischen Iburger Berge, durch die kleine Stadt und marschierten darauf weiter nach Glandorf, wo ich mit Pavenstedt & Haacke ein sehr gutes Quartier bekamen; den Abend waren wir sehr vergnügt, wo beim Wirthshause brav gezecht und gesungen wurde, denn viele Freunde hatten uns für die Reise mit Wein und sonstigen guten Sachen versehen, so daß gewöhnlich jeden Abend namentlich auf Dörfern wir uns bei Elking versammelten und recht vergnügt unsern Abend zubrachten, nicht gedenkend der schweren Tage, die uns noch bevorstanden.

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Den 5. Mai hatten wir hier Rasttag, leider hatte ich hier Stallwache, so daß ich nichts von dem heutigen Tage hatte. Die Andern waren fast sämmtlich von ihren Wirthen zu einer Landparthie eingeladen worden.

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Ich blieb daselbst bis den folgenden Nachmittag (4. Mai), wo ich meinen Marsch nach Osnabrück fortsetzte und das Detaschement antraf. Ich bekam ein sehr gutes Quartier bei H. Julich, welches Pavenstedt für mich besorgt hatte. Wir hatten hier sämmtlich Officierquartiere und wurden mit vieler Auszeichnung behandelt.

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D. 3. Mai verließen wir Diepholz und setzten unsern Marsch weiter fort; wir kamen durch den Flecken Lemförde, hinter welches wieder die Frühstückspause gemacht wurde. Das Detaschement marschierte von hier weiter nach Bomte, wo es Nachtquartier erhielt. Ich ritt von hier ab nach Dillingen, welches ungefähr 1/4 St. von hier liegt, um Pastor v. Helle meinen Besuch abzustatten, ich wurde hier ebenso wie voriges Mal, da ich von der Ehrengarde hier war, sehr freundlich aufgenommen. Ich traf Wilh. Helle nicht mehr an, dieser war schon zu seinem Regimente abgegangen.

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Den folgenden Tag als d. 2. May bekamen wir Rasttag. Wir machten den Nachmittag einen Spaziergang nach einem einzelnen Bauernhause, Fleddermanns Busch genannt, wo wir bei einer Tasse Thee und Gesang mit unseren Cameraden recht ver(g)nügt waren, unter andern waren die Fußgänger Kapff, Walter & Schoen mit dabei. Den Abend kehrten wir unter Gesang wieder in unser Quartier zurück. So lange wie von Kapff noch bei uns war, dieser ein großer Musikliebhaber und guter Sänger, kamen wir gewöhnlich Abends in eins unserer Quartiere zusammen um zu singen; zu dem Ende hatte ich 3 Hefte Terzette mitgenommen, die wir ziemlich gut einstudierten und dadurch, daß einige andere Cameraden musikalisch waren, so hat uns die Musik auch späterhin, wie v. Kapff uns verließ, manch frohe Stunde gemacht (ergänzt: und das viele Schwere des Feldzuges versüßt).

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Den 1. Mai setzten wir unseren Marsch fort. Den Morgen in Bassum verließen uns die letzten Bremer, die hier Abschied von uns nahmen. Es war ein sehr warmer Tag & besonders trug unsere Uniform viel dazu bei, uns die Sommerhitze recht merken zu lassen. Wir kamen durch den Flecken Barnstorff, hinter welchem wir die Frühstückspausen machten und darauf unseren Marsch fortsetzten. Wir gingen heute bis Diepholz, einer kleinen Stadt; ich hatte mit Pavenstedt ein ziemlich schlechtes Quartier ganz an einem Ende der Stadt.

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Unser Abmarsch wurde auf Sonntag, d. 30. April 1815 festgesetzt, wo wir uns auch wirklich in Marsch setzten. Wir versammelten uns unter einen Zulauf von einer ungeheuren Menschenmasse auf dem Markte, von wo wir unter Begleitung derselben und der Böseschen Jäger (1), welche uns erst am Kattenthurm verließen, und nach Bassum unseren ersten Marschtag abmarschirten.
Es war für uns ein trauriger Tag, denn die Aussicht auf einen blutigen Krieg machte es sehr wahrscheinlich, daß nur der kleinste Theil von uns zurückkehren würde, und ich trat den Marsch auch mit der festen Ahndung an, daß ich nicht wieder zurückkehren würde, und ein schmerzliches Gefühl durchbebte mich, als ich hinter Brinkum, wie ich gewiß glaubte, zum letzten Mal die Bremer Thürme sah, und doch hat mich der liebe Gott in allen Schlachten auf eine so wunderbare Art erhalten, was ich nicht genug mit Dank erkennen kann, besonders da unser Regiment an der Grenze auf Vorposten stand, wo wir aller Ansicht zufolge gleich ins direkte Feuer hineinkommen würden; allein, die gute Sache, die uns ins Feld rief, machte uns das bald vergessen, besonders da wir die schöne Reise bei der besten Jahreszeit und durch die herrlichsten Gegenden vor uns hatten, dabei die angenehme Gesellschaft von 50 jungen Leuten von Stand und Alter, die alle gleich fröhlich ihrem Schicksale entgegen gingen, die größtenteils herrliche Aufnahme an allen Orten, sowohl von Civil als Militair-Behörden, die uns immer die besten Quartiere zu geben suchten. Kurz, alles dieses trug dazu bei, uns diesen Marsch zur Armee zu einer der vergnügtesten und angenehmsten Reisen zu machen, und bis ins späteste Alter wird es mir eine der angenehmsten Erinnerungen meines Lebens sein. Wir hatten unser erstes Nachtquartier in Bassum, bis wohin uns noch ein großer Theil unserer Bekannten begleitete, mit denen wir den Abend noch recht vergnügt zubrachten. Ich bekam mit Pavenstedt auch schon ein ziemliches Quartier, allein da dieser noch nicht mit dem Satteln und Packen des Pferdes umzugehen wußte, so hatte ich viele Arbeit dabei, indeß ich beide Pferde bedienen mußte.

(1) Heinrich Böse (1783-1867). Der Zuckerfabrikant organisierte 1813 in Bremen den Widerstand gegen die französische Besatzung und kämpfte im März des Jahres gegen die napoleonischen Truppen in Bederkesa. Mit dem von ihm gebildeten Freiwilligen Bremischen Jägerkorps zog er bis nach Lille, nahm aber nicht an den Kampfhandlungen teil. 1815 stellte er erneut ein Korps zusammen und übertrug dessen Führung seinem Schwager Franz Thorbecke.

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(15. April 1815)

Unsere Uniform war Husarenuniform, bestehend aus einem schwarzen Dolmen nebst Czako mit schwarzen Schnüren und Hosen, sowie auch unsere Cartousche & Brodaliere nebst Säbelkoppel alles schwarz. Wir hatten größtenteils sehr gute Pferde, nur mußten wir sie theuer bezahlen, besonders die der Roßkämmers (=Stallknechte), da diese sahen, daß wir sie durchaus haben mußten. Ich bekam einen schwarzen Polacken, der nicht eben sehr jung war, dabei aber gewandt und sehr gut auf den Beinen; ich habe nie meinen Kauf bereut, und hatte mir kein besseres Pferd zu diesem Feldzuge gewünscht, da er alle Schlachten & Strapazen ganz herrlich ertrug.
Vor unserm Abmarsch schritten wir noch zur Wahl unserer Officiere & Unterofficiere. Außer Elking, welchen ich schon früher erwähnte, zum Rittmeister gemacht wurde, erwählten wir noch zu Lieutenant Kulenkampff & Kayser, zum Wachtmeister Wanschaff, welcher schon den vorigen Feldzug im Lützowerschen Freicorps mitmachte, zu Quatiermeister Schriever, welcher im vorigen Feldzuge in Hannöverschen Diensten gestanden hatte; späterhin wurden noch Gröning & Goepel zu Oberjägern erwählt.
Außerdem marschierten noch v. Kapff, Icken, Walte & Johms mit uns aus, um sich dem Detaschement des 25. Infanterie-Regiments anzuschließen. Johms aus Bremen kam erst in Düsseldorf zu uns, und diese 4 marschierten bis Namur mit uns. V. Kapff kehrte leider nicht wieder zurück, er starb den Tod fürs Vaterland in der Schlacht bei Ligny im Sturm auf Sct. Amand d. 16. Juni 1815, allgemein bedauert von allen Cameraden, da er ein höchst liebenswürdiger Mensch war. Vor unserm Ausmarsch nahmen alle Freiwilligen in der Ansgarii-Kirche das heilige Abendmahl, was auf uns alle einen wahrhaft erhebenden Eindruck machte.
Da wir mit unserer Ausrüstung am Ende des Monats April völlig zu Stande gekommen waren, so säumten wir auch nicht länger, uns in Marsch zu setzen.

(Weiter geht es, und dann Tag für Tag, am 30. April)

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(1. April 1815)

Folgendes ist die Liste derjenigen Freiwilligen, welche zusammen aus Bremen ausmarschierten:
Erstens geborene Bremer:
Elking
Kulenkampf
Schriever
Goepel
Gröning
Rosing
Pavenstedt
Corhsen
Weber
Schröder
Lameyer
Löning
Seekamp
Kannengiesser
Holty
Hanewinkel
Soversky
Quentell
Gildemeister
Stoever
Hagedorn
Seken
Lange
Stavemüter
Huntemann
Deneken
Fremde, die in Bremen größtentheils an Comptoire arbeiteten:
Kayser
Wanschaff
Klugkist
Niemann I
Niemann II
Schliepstein
Remling
Sander
Knandt
Müller
Nach unserem Ausmarsche aus Bremen kamen uns noch folgende Bremer nach.
Sosat
Gleim
Abegg
Meyer
Fahrer
Schmidt
Als Bediente gingen mit aus Bremen.
Koch, Thies, Meyer, Kannengiesser, Korte, welche mit im Gliede standen.
Vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten schlossen sich noch folgende Fremde an unser Detaschment.
Niemann III
Gante
Lahr
Möller
Mentzel
Hofky
Lange
Eggert
Viltmer
Schulze
Wendeburg
Boes
Bomann
Waidlich
desgleichen nach dem Kriege
Schulz II
Tewe
Krüger
Helms
Müller II
Müller III
Förster
Kelm
Zickert
Sembick

(Weiter geht es am 15. April)

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(15. März 1815)

Unsere Absicht war, uns unter das Commando des Major v. Lützow zu begeben und das Jägerdetoschement (1) des ehemaligen v. Lützoweschen Freicorps zu bilden, ein Corp, welches der Wütherich Napoleon die schwarze Bande nannte, welches nach dem ersten Feldzuge zum regulairen Uhlanen-Regiment umgebildet war. Ein Theil von uns, welcher in diesem ersten Feldzug schon bei diesem Regiment gestanden hatte, bewogen uns dazu; auch haben wir es nie bereut, uns gerade unter das Commando des Major v. Lützow (2), dieses in jeder Hinsicht vorzüglichen Mannes begeben zu haben. Nach einem Decret des Königs von Preußen sollten in diesem Feldzuge die freiwilligen Jäger wieder diesselben Vorrechte wie die Vorigen bekommen.
Dies waren ungefähr folgende:
Im Fall sie sich selbst equipirten, konnten sie sich an das Regimente anschließen, welches sie vorzogen; sie hatten das Recht, sich ihre eigenen Officiere vom Lieutenant ab an zu wählen, sowie auch ihre Unterofficiere. Erstere wurden vom König bestätigt und Letztere vom Commandeur des Regiments, sie brauchten, außer die Feldwachen, keine Wachen zu beziehen und hatten endlich Freiheit, das Port Epee (3) zu tragen, hatten also Officiers Rang.
Ich kann bei dieser Gelegenheit nicht unterlassen zu bemerken, daß sich unser Senat gegen uns sehr schofel (4) benahm und namentlich darin, daß uns anfangs alle mögliche Schwierigkeiten in den Weg gelegt wurden, in preußischen Dienst zu treten, dann da sie ihr hanseatisches Contigent nur schwer von Freiwilligen vollzählig machen konnten, so wurde anfangs alles versucht, um uns zu halten, damit wir ins hanseatische Contigent treten; und erst zuletzt, wie sie sahen, daß sie mit Fug & Recht uns nicht halten konnten, ließen sie uns ziehen. Dafür hatten wir den Triumph, alle Schlachten mitgemacht zu haben.
Da man von ehedem kannte, daß Nap. alles aufbieten würde, um soabld wie möglich die Feindseligkeiten anzufangen, ehe noch die Allierten versammelt sein konnten, so boten wir auch alles auf, so schnell wie möglich uns zu equipiren und beritten zu machen, wo wir denn freilich mit vielen Hindernissen zu kämpfen hatten, da die Handwerker in Bremen mit den Militairsachen nicht so schnell fertig zu werden wußten, und es uns an manchen Sachen fehlte, die uns durchaus nothwendig waren. Doch brachte der Eifer Aller es bald dahin, daß wir schon Ende April marschfertig waren. Major Elking, welcher den ersten Feldzug die Schwadron der Bremer Hanseaten commandirt hatte, schloß sich auch uns an, und ihm wurde das Commando über unser Detaschement angetragen, welches er auch gerne annahm. Bis zu unserm Abmarsch zur Armee ließ dieser uns alle Morgen exercieren, so daß wir erst etwas einexerciert waren, ehe wir das Regiment erreichten.

(Weiter geht es am 1. April)

(1) =Detachment.

(2) Ludwig Adolf Wilhelm von Lützow (1792-1834), Generalmajor und Befehlshaber des Freikorps der „Schwarzen Jäger“.

(3) Faustriemen am Degen.

(4) schändlich.

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(1. März 1815)

Kaum war im März 1815 Napoleon wieder in Frankreich gelandet und bald darauf in Paris eingerückt, so griff in Deutschland wieder alles zu den Waffen, um den gemeinschaftlichen Feinde, von dem man Alles zu befürchten hatte, falls er in Deutschland wieder festen Fuß fassen sollte, zu bekämpfen. Nicht minder thätig wie im übrigen Deutschland war man in Bremen, wo dieses Mal wohl alle jungen Leute mit weit größerem Enthusiasmus noch wie das erste Mal sich freiwillig stellten, um auch mit Antheil an der Bekämpfung dieses Tyrannen zu nehmen, von dem besonders die 3 Hansestädte in der Zeit der französischen Besitznehmung so viel gelitten hatten.
H. Böse (1), welcher im ganzen Feldzuge bereits ein Corps freiwilliger Jäger von 75 Mann errichtet hatte, welches er damals selbst equipierte (2) und ein Jahr auch selbst besoldete, war auch diesmal der Erste mit, um wieder ein solches Corps zu errichten, mit dem Unterschied indeß, daß es diesmal doppelt, nämlich 150 Mann stark war, wovon er die Hälfte equipirte und wozu blos gute Schützen genommen wurden, die andere Hälfte bestand aus jüngeren Leuten aus den ersten Familien, welche sich sämmtlich selbst equipirten, indeß wurde das ganze Corps von der Stadt besoldet.
Außer diesen Fußgängern vereinigten sich noch ungefähr 50 junge Leute, um Cavalleriedienste zu nehmen, an diesen letztern schloß ich mich an.
(Weiter geht es am 15. März)

(1) Heinrich Böse (1783-1867). Der Zuckerfabrikant organisierte 1813 in Bremen den Widerstand gegen die französische Besatzung und kämpfte im März des Jahres gegen die napoleonischen Truppen in Bederkesa. Mit dem von ihm gebildeten Freiwilligen Bremischen Jägerkorps zog er bis nach Lille, nahm aber nicht an den Kampfhandlungen teil. 1815 stellte er erneut ein Korps zusammen und übertrug dessen Führung seinem Schwager.

(2) equipieren=ausstatten.

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August Wilhelm Gildemeisters
Tour mit der Ehrengarde
im Jahre 1813-1814
(nach eigenhändiger Aufzeichnung)

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Wir gingen also am 9. Febr.

Hier bricht das Tagebuch August Wilhelm Gildemeisters für das Jahr 1814 ab.
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Indeß bewilligte man uns hier einen Rasttag (8. Febr.), welchen wir dazu verwandten, um nach Bremen zu schreiben, auch kaufte ich hier einen Tornister, um bequemer meine Sachen zu transportiren. Am Nachmittage und die folgende Nach war ich sehr krank; da die andern hier indeß keinen Tag länger bleiben wollten, so mußte ich, so matt ich auch war, mit fort.

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D. 7ten Febr. kamen wir endlich über den Rhein nach Basel; hier bekamen wir ziemlich starkes Thauwetter. Basel ist eine ziemlich große Stadt, indeß schon sehr alt und hat lauter enge und krumme Straßen. An den Dächern, die weit in die Straße überhangen, sind keine Gossen, und so geräth man bei regnerischen Tagen steths vom Regen in die Traufe.
Die größte Merkwürdigkeit ist das alte gotische Rathaus, welches eines der ältesten Gebäude der Stadt ist. Wir bekamen hier ziemlich schlechte Quartiere bei einer alten Hexe in einer schlechten Kneipe.

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D. 6ten Febr. gingen wir von hier wieder nach Polguisburg (1), einem kleinen Dorfe, woselbst wir indeß ziemlich gute Quartiere hatten.

(1) Wohl: Roggenburg.

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Wir gingen den folgenden Morgen d. 5ten Febr. nach Ober-Sept im Elsass, das erste Dorf, wo deutsch gesprochen wurde, allein so schlecht, daß wir Mühe hatten, solches zu verstehen. Wir bekamen ein ziemlich gutes Quartier bei sehr wohlhabenden Leuten.

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Am 4ten Febr. fuhren wir weiter nach Montbeillard, man wollte uns dort indeß kein Quartier geben und wir mußten deßhalb nach einem Dorfe Etupes wieder zurück. Unterwegs passirten wir vor der Festung (Lücke), die von den Oesterreichern belagert war, vorbei. Wir hatten in Etupes ebenfalls ein schlechtes Quartier und mußten uns auch mit einem Strohlager begnügen; hier verließ uns der Sergeant, der eine andere Marschroute wie wir hatten.

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Am folgenden Morgen, den 3ten Febr. gingen wir von hier ab. Wir hatten hier eine schöne Gelegenheit, nämlich mit einem Oestr. Sergeant, welcher mit mehreren Wagen mit Waffen nach Basel fuhr. Wir baten diesen, uns mitzunehmen, welches dieser auch gutwillig that. Wir fuhren bis Atrage (1), woselbst wir ein schlechtes Quartier hatten und uns mit einem Strohlager begnügen mußten.

(1) Wohl: Autrechêne (späterer Zusammenschluss von Eschêne und Autrage)

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Am 2ten Febr. gingen wir weiter nach Mollans. Als wir aus der Stadt kamen, so begegneten uns noch mehrere Wagen von Cosacken; wir hatten den Tag über Thauwetter und ziemlich schlechte Wege. Da Mollans nur eine kleine Etappe und schlechtes Dorf war, so gingen wir weiter nach Lure. Unterwegs trafen wir mehrere Wagen mit Ochsen bespannt, welche Gelegenheit wir benutzten und damit bis nach Lure fuhren. Durch den dortigen Platzcommandanten bekamen wir Officiersquartiere, indeß ein jeder von uns allein. Ich lag beim Tribunal-Praesidenten Thomas. Lure ist eine kleine Stadt, die längs der Chaussee liegt.

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Am 1ten Febr. fuhren wir von hier ab, nachdem wir den Abend vorher einen Wagen vom dortigen Maire acquirirt hatten. Indeß das Pferd und der Wagen war so schlecht, daß wir drei uns nie zugleich darauf setzen konnten, und größtentheils bloß unsere Mantelsäcke darauf legten und unsern Weg zu Fuß fortsetzten; wir kamen durch Grandville, woselbst wir hatten bleiben sollen, da wir indeß nur 2 St. gemacht hatten, so fuhren wir weiter nach Vesoul. Wir hielten hier beim Platzcommandanten um einen Rasttag an, konnten wegen der überhäuften Einquartierung hier keinen bekommen und mußten indeß den folgenden Tag weiter gehen. Wir bekamen ein ziemlich gutes Quartier beim Juden. Vesoul ist eine kleine hübsche Stadt und liegt zwischen 2 Bergen in einer ziemlich angenehmen Gegend, es passirte ein starker Transport russischer Wagen hier durch, welches die ersten waren, die wir zu sehen bekamen, auch lag viele russische Infanterie hier.

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Am 31ten Jan. fuhren wir von hier nach Gy, einer kleinen Stadt, wir hatten einen zweiräderigen Karren, worauf wir tüchtig zusammen gestoßen wurden. Da es daselbst so voll von Truppen lag, so konnte uns der Platzcommandant kein Quartier geben, und wir fuhren mit demselben Wagen, nachdem wir erst ein Erfrischungsquartier bekamen, wo wir zu Mittag aßen, noch 2 St. weiter; unser Fuhrmann wollte uns Anfangs nicht weiter fahren, da indeß der alte Oestr. Platzcommandant ihn mit 50 A….prügel bedrohte im Weigerungsfalle, so fuhr er uns doch bis zum Dorfe Fretigey, wo wir durch den dortigen Platzcommandanten Officiersquartiere bekamen, ich lag mit Wille. beim Pastoren Heurtat, woselbst wir es sehr gut hatten.

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Am 30ten Jan. gingen wir von hier ab und hatten einen ziemlich starken Marsch nach der kleinen Stadt Gray, welche auf einem kleinen Berge an der Saone ligt, hier hatten wir nur schlechte Quartiere. Der hiesige Platzcommandant bewilligte uns hier für den folgenden Tag einen Wagen; auf der Mairie hörten wir zuerst, wie die Oesterreicher den Franzosen Contributionen auflegten, welches für uns eine rechte Freude war.

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Am folgenden Morgen am 29ten Jan. marschirten wir früh von Diyon ab, wir bekamen Thauwetter und wir hatten nicht die besten Wege, ich fuhr eine ziemliche Strecke auf einem Bauernwagen, welcher auch denselben Weg fuhr, wir kamen den Nachmittag zu Mirabeau, einem Flecken an, woselbst wir ziemlich Quartier bekamen bei einem Menschen namens Philipp Myran.

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Am 28ten Jan. fuhren wir von Beaune ab, nachdem wir gefrühstückt hatten und noch mit Lebensmitteln von Lamarohse versehen worden waren. Wir hatten ein kleines zweiräderiges Cabriolet, welches indeß ganz verdeckt war. Der Commis von Lamarohse setzte sich mit hinein und so fuhren wir sehr früh aus Beaune weg, wir passirten durch Units und fuhren alsdann noch 2 St. von Diyon, wo wir ausstiegen, um nicht in Gefahr zu sein, daß uns der Wagen weggenommen werden könnte, wir nahmen hierauf von dem Commis von Lamarohse Abschied, welcher mit dem Wagen wieder zurück fuhr, und setzten den kleinen Weg zu Fuß fort, nur auf unsere bestimmte Erklärung, daß wir früher aussteigen wollten, gab er nach und kehrte zurück. Da wir diesem die Gefahr nicht aussetzen wollten, daß der Wagen von den Oesterreichern weggenommen würde. Wir mochten ungefähr 1 St. gegangen sein, als wir in der Ferne Cavallerie ankommen sahen, welche uns eine ungeheure Freude machte und als sie näher kamen, so erkannten wir in ihnen Osterreichische Dragoner, nun war unsere Freude aufs Höchste gestiegen, und im Taumel derselben mußte jeder Dragoner so lange trinken, bis unsere Feldflasche geleert war. Etwas später kam auch noch Infanterie und zuletzt auch Artillerie. Endlich kamen wir denn in Diyon an, welches ganz voll von Truppen lag und woselbst wir beim Oesterreichischen Platzcommandanten sogleich eine Marschroute zur Fortsetzung unserer Reise bekamen, nebst Quartier. Unser Quartier war sehr gut und es war uns besonders eine ungeheure Freude, als freie Deutsche uns von den Franzosen, die uns so lange gequält hatten, recht auftischen zu lassen, welches wir denn auch ganz ordentlich thaten und uns besonders den Burgunder gut schmecken ließen. Der Maire von Diyon, bei welchem wir unser Quartierbillete erhielten, nur um ihn als Dollmetscher zu dienen, da die Oesterreicher Soldaten hier ebenso wütheten wie die Franzosen bei uns gethan, allein wir (Lücke) es. Sonst war er natürlich sehr artig, denn er kannte uns an der Uniform als Garde d honneur.
Da wir gehört hatten, daß unser Camerad krank in Diyon zurückgeblieben war, so suchten wir denselben auf und fanden ihn auch glücklicherweise im Wirthshause von Chapeaurouge, diesem war es eine große Freunde, uns endlich wieder zu sehen und W & G gaben ihm noch so viel Geld, als sie entbehren konnten, um nach seiner Genesung die Reise zu Wagen fortsetzen zu können. Der Commandant dieses Oest. Armeekorps war der Prinz von Hessen-Homburg, welcher hier auch sein Hauptquartier hatte und vor dessen Wohnung am Abend wir eine herrliche Musik hörten.

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Den folgenden Tag, den 27. Jan., blieben wir noch in Beaune, woselbst wir erwarteten, daß die Osterreicher wieder kommen würden, da uns Lamarohse erzählte, sie wären am vorhergehenden Tage dort gewesen und es wären mit ihnen noch mehrere von unsern Cameraden, die sich dort versteckt gehabt hatten, nach Dijon gegangen. Sie ließen sich indeß den ganzen Tag nicht wieder sehen. Lamarohse führte uns noch ins Hospital, woselbst sich noch einige Deutsche befanden. Da wir uns nicht gern länger hier aufhalten wollten, so besorgte Lamarohse für uns einen Miethwagen, um damit am folgenden Morgen vor Tagesanbruch abzufahren. Wir legten uns frühzeitig zu Bett, nachdem wir am Abend beim Essen von den Damen Abschied genommen hatten.

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(26. Januar 1814) Nachdem wir uns nun so wieder von unseren Strapatzen erholt hatten, wandten wir unsere Blicke darauf, um nun auch weiter zu kommen. Das sicherste Mittel um zu unserem Zweck zu gelangen, schien uns, an Lamarohse in Beaune zu schreiben und bei dem uns Rath zu erholen, was wir anzufangen hätten. Wir schrieben ihn desßhalb durch einen sichern Boten, welcher am Abend wieder zurück sein konnte, da Beaune nur 3 St. von diesem Dorfe war. Derselbe mochte ungefähr 2 St. weggewesen sein, als plötzlich ein Bauer mit der Nachricht ins Dorf kam, die Oesterreicher wären in Beaune eingerückt, mit dem Zusatze, daß sie dort raubten und plünderten, welches dort natürlich einen fürchterlichen Schrecken verbreitete, für uns hätte keine bessere Nachricht ankommen können als diese und wir erwarteten nun mit Sehnsucht die Zurückkunft des Boten, indem wir noch immer die Hoffnung hegten, auch Oesterreicher bis in das Dorf kommen würden. Um 3 Uhr Nachmittags kam der Bote endlich mit der erfreulichen bestätigten Nachricht zurück, daß Oesterreicher dort gewesen wären, nebst einem Briefe von Lamarohse, worin derselbe uns einlud, den Abend noch nach Beaune zu ihm zu kommen und daselbst zu schlafen, mit dem Zusatze, daß der Gegenstand unseres Briefes besser mündlich alls schriftlich abzuhandeln wäre. Wir verließen darauf die Ww Vieillard, nachdem wir sie reichlich bezahlten, und ihr zugleich in deutscher Sprache einen Zettel von uns hinterließen, worin wir alle deutsche Truppen, die vielleicht dort einquartirt werden sollten, ersuchten, diese Frau gut zu behandeln da sie uns als Deutsche so wesentliche Dienste geleistet hatte. Wir gingen um 6 Uhr des Abends dort weg und kamen glücklich um 9 Uhr vor Beaune an. Wir hatten bei starkem Froste ein ganz herrliches Wetter und passirten durch mehrere sehr schöne Gegenden. Da wir immer hofften auf Oestr. Vorposten zu stoßen, so wollten wir es anfangs gar nicht wagen in die Stadt zu gehen; da uns noch keine derselben aufgestoßen waren. Ich ging deßhalb zuerst allein bis ans Thor, wo, da mir alles ruhig zu sein schien, ich die andern beiden winkte und wir so auch ganz sicher bis ans Haus Lamarhose gelangten. Eben vorher passirte vor uns eine Patrouille, der wir glücklich durch schnelles Gehen entschlüpften. Wir wurden von demselben sehr freundschaftlich aufgenommen, und verzehrten gleich ein Abendessen, welches für uns schon zubereitet war.

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Wir kamen daselbst auch glücklich indeß völlig ermüdet um 4 Uhr des Morgens d. 25. Jan. an. Da bei unserer Ankunft in dem Hause Licht brannte, so wollten wir es nicht wagen hineinzugehen, ich schlich mich also ans Fenster und erblickte daselbst mehrere Bauern am Feuer sitzen; da es uns zu gefährlich schien, in deren Gegenwart ins Haus zu gehen. Wir gingen deßhalb in die nahe gelegene Scheune, woselbst wir beschlossen, trotz der fürchterlichen Kälte uns bis Tagesanbruch daselbst aufzuhalten. Wir glaubten hier Heu zu finden, worin wir uns schlafen legen wollten, fanden indeß bald, daß es keine Scheune, sondern ein Pferdestall war, in welchen wir gekommen waren. Es blieb uns hier nichts übrig, als uns nur auf den Mist hinzulegen, dieses thaten wir denn auch, nachdem wir zuvor einen ziemlichen Haufen davon zusammen gescharrt hatten, um unsere Füße bei der fürchterlichen Kälte doch vor Erfrieren zu schützen; nachdem wir uns so versehen hatten, legten wir uns nieder. Wilkens & Gerdes schliefen bald ein, mir war es der fürchterlichen Kälte wegen nicht möglich, indem mir die ganze Zeit über die Zähne davon klapperten. Um 7 Uhr weckte ich die andern auch, und ging ich zuerst ins Haus und da keine Bauern mehr da waren, so rief ich die andern auch, wir ließen darauf ein tüchtiges Feuer anmachen, wo es denn eine gute halbe Stunde dauerte, ehe wir nun etwas erwärmt wurden. Auf der Wirthin Frage, woher wir kämen, antwortete ich von Beaune, worauf sie mir sagte, es wären die Nacht auch Conscribirte dagewesen, welche von Diyon gekommen wären; dies war für uns ein Donnerschlag, da es uns hiernach schien, als wenn die Oesterreicher sich aus Diyon wieder zurückgezogen hätten. Uns blieb also nichts weiter übrig, als uns der Frau zu entdecken und sie zu bitten, uns womöglich einige Tage in ihrem Hause zu verstecken, wozu sie sich auch bereitwillig zeigte.
Wir ließen uns darauf ein warmes Essen bereiten, und da wir von dem langen Marsch sehr ermüdet waren, so legten wir uns darauf in einem kleinen Zimmer zu Bett, wo wir darauf ganz herrlich bis 5 Uhr des Abends schliefen, worauf wir uns wieder zu Essen machen ließen und bis den andern Morgen, d. 26ten Jan. 8 Uhr schliefen.

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Auch hier erhielten wir für den folgenden Tag, den 24ten Jan., einen Rasttag. Autun ist eines der ältesten fr. Städte und soll schon zu der Römerzeit erbaut sein, als selbige ihre Herrschaft in Frankreich gehabt haben. In der Stadt war ein großer schöner Platz. Zufällig trafen wir daselbst Albers & Hinrichson an, welcher ersterer Frankreichs halber zurück geblieben war, letzterer um ihn aufzuwarten.
Da die andern Stelling & Banning sich platterdings nicht entschließen konnten mit uns zu gehen, so verließen wir, nämlich Wilkens, Gerdes und ich, dieselben am Abend, wo sie uns noch bis ans Thor begleiteten und alsdann Abschied von uns nahmen. Es war 6 Uhr des Abends, daß wir Autun verließen, wir hatten bei sehr heftigem Frost anfangs sehr helles Wetter, wir nahmen denselben Weg, den wir zuvor gekommen waren, waren indeß kaum eine halbe Stunde marschirt, als die Luft sich bezog, worauf sich denn bald ein heftiges Schneegestöber erhob, welches auch die ganze Nacht nicht wieder aufhörte; wir marschirten indeß tapfer darauf los nach Nolet zu, wir kamen einige Male des vielen Schnees wegen ganz von der Chaussee ab und nach vielen Beschwerden fanden wir dieselbe wieder, einige Bauern, die uns begegneten, die indeß furchtsam vor uns vorbei schlichen, war darauf alles. Zum Unglück kamen wir durch mehrere Dörfer, woselbst die Hunde uns anbellten, uns indeß glücklicherweise nichts weiter wiederfuhr. Wir kamen endlich glücklich um 1 Uhr die Nacht, nachdem wir sieben Stunden zurück gelegt hatten, vor Nolet an. Hier ruheten wir uns etwas im Schnee aus und überlegten, wie wir am besten durch die Stadt kommen sollten.
Wir waren alle drei der Meinung, nicht durch die Stadt zu gehen, sondern womöglich durch die Weinberge um dieselbe, allein ein Fluß, welcher durch die Stadt floß, machte uns dies auch schwierig, indem uns auf dem Felde nichts übrig blieb als durch denselben zu waten, wenn uns indeß die fürchterliche Kälte auch hinderte; da uns indeß nichts übrig blieb als dieses letztere zu thun, so setzten wir uns also nach einer viertelstündigen Ruhe in den Weg und das erste war, daß wir über eine Dornhecke stiegen und so in die Weinberge kamen, worin wir nur des vielen Schnees und der vielen Löcher nur langsam fortschritten und wir mehrere Male bis an den Leib darin versanken. Bald darauf kamen uns mehrere Hecken in den Weg und selbst Mauern, die indeß alle glücklich überstiegen wurden und so kamen wir endlich noch durch einen Sumpf an den Fluß, wofür wir uns so sehr gefürchtet hatten, wir fanden erst, nachdem wir 1/2 St. lang an demselben hinaufmarschirt waren, endlich eine Brücke, welche wir passirten und nun war dies Hinderniß glücklich überstanden, allein hirdurch mitten in der Nach in einem unbekannten Lande in eine uns unbekannte Weltgegend gebracht, blieb uns kein anderes Mittel übrig, als daß wir eine halbe Stunde lang wieder auf der andern Seite hinunter marschirten, bis wir den Kirchthurm der Stadt eben wieder schimmern sahen. Dies war nämlich vorher immer der Punkt gewesen, woran wir uns gehalten hatten, worauf wir denn getrost unsern mühsamen Marsch, indem wir immer die Stadt zur Rechten hatten, fortsetzten; wir stießen endlich auf einen Weg, welcher bei der Stadt hin auf die Chaussee zu führen schien, diesen verfolgten wir also, indeß zu unsern größten Ärger führte derselbe in die Stadt und war von beiden Seiten mit hohen Mauern besetzt, so daß es uns nicht möglich war, einen andern Weg zu nehmen. Wir beschlossen also zu versuchen, um auf diesem Wege, wenn auch durch einen kleinen Theil der Stadt passirt werden mußte, fortzugehen, wir kamen endlich selbst mitten in der Stadt und selbst dicht bei der Wache der National-Garden heraus, welcher glüklicherweise um die Ecke war, hier fingen wir schnell an zu laufen und strengten unsere letzten Kräfte an um aus der Stadt zu kommen, welches uns auch glücklich gelang, und kamen auf der Chaussee indeß gänzlich ermattet an.
Es war jetzt 3 Uhr, hatten also 2 St. um, um die Stadt zu marschiren zugebracht, und waren 9 St. fast ohne Aufenthalt fortmarschirt. Da wir vor Müdigkeit fast nicht mehr fort konnten, warfen wir uns in den Schnee, um wieder 1/4 St. auszuruhen, und dann brachen wir wieder auf, um nach dem nächsten Dorfe, welches noch 1 St. entfernt war, zu gehen, woselbst wir dann liegen bleiben wollten.
In diesem Dorfe la Rocheport waren wir, als wir am 21ten Jan. durch dies Dorf passirt waren, in einem Wirthshause einquartirt gewesen, worin die Wirthin Vieuve (wohl veuve=Witwe) Vieillard wohnte; diese schien uns eine sehr gute Frau zu sein, bei der wollten wir also suchen uns den Tag versteckt zu halten und die folgende Nacht dann unsern Weg nach Beaune fortzusetzen.

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Am 23ten Jan. fuhren wir dahin in Begleitung der Holländer ab und kamen auch glücklich dort an.

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Der ganze Tag (22. Jan. 1814) verstrich in Discussionen mit Stelling & Banning, die es durchaus nicht wagen wollten und es endlich nach vielen Bitten dahin brachten, daß wir ihnen versprachen, daß wir mit ihnen noch nach Autun fahren wollten, wir ihnen indeß dagegen fest erklärten, daß wir aus Autun entweder mit ihnen oder allein weggehen würden.

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Am 21ten Jan. setzten wir deßhalb unsern Weg nach Nolet fort. Der Maire hatte uns zu unserm Transport einen Leiterwagen gegeben, welcher außerhalb des Thores auf uns wartete; wir hatten schon um 8 Uhr wegfahren wollen und wir warteten bis 11 Uhr, da noch 2 von uns, nämlich Stolz & Zollait fehlten; da diese indeß nicht kamen, so fuhren wir weg, und selbige sprach ich auch nicht eher wie in Bremen wieder, sie waren nämlich von ihrem Wirth, einem katholischen Priester gehalten und versteckt worden, der sie späterhin nach Dyon fahren ließ. Unterwegs erzählte uns unser Fuhrmann, daß unsere anderen Cameraden, die er den Tag zuvor gefahren habe, alle vom Wagen gesprungen und sich so in Freiheit gesetzt hatten; dies gab uns Veranlassung noch einmal zu versuchen, um dasselbe zu thun, da noch überdies 2 unserer Cameraden uns bald darauf, ohn ein Wort zu sagen, verließen, während wir in einem Wirthshause eingekehrt waren. Wir waren nun noch mit fünf, und Wilkens & Gerdes und ich wollten uns auch die Gelegenheit zu Nutze machen, um wieder davon zu gehen; allein Stelling & Banning hatten den Muth nicht und suchten uns auf alle Art zu überreden, sie nicht allein zurück zu lassen, wir versprachen ihnen also, bis Nolet mit zugehen, woselbst wir uns indeß wieder davon machen würden. Wir bekamen mittelmäßiges Quartier und wir hielten dort einen Rasttag, welchen wir dazu verwenden wollten, um unsere Sachen den nächsten Abend von dort wieder wegzugehen, fertig zu machen. Wir fanden dort noch einige Holländer, welche aus Mangel an Fahrgelegenheit hatten zurück bleiben müssen.

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D. 20ten Jan., wo uns denn, nachdem wir uns etwas durchgewärmt hatten, der Bauer auf den Wagen nach Seurre fuhr. Wir fuhren so erst über die Brücke, welche über die Saone führte & in die Stadt an der Bürgerwache vorüber, welche uns auch nichts sagte, indeß unser Anzug, der ganz mit Koth bedeckt war, zog sowohl ihre als der vielen Bürger Aufmerksamkeit auf sich und wir waren eben aus der andern Seite der Stadt hinaus gefahren, als die Wache mit Piken und Degen bewaffnet und von vielen Bürgern begleitet nachrief arretez! arretez!, worauf wir denn sogleich still hielten. Man fragte uns daher, woher wir kämen, von Beaune und wollten nach Autun, worauf man uns denn gleich zurück nach der Mairie fahren ließ mit dem Bedenken, daß wir ganz auf dem unrechten Wege wären. Auf dem Wege dahin sammelten sich ungeheuer viele Leute um uns, die uns als Wunderthiere anschauten & als wir vor der Mairie vom Wagen stiegen nunmehr mit der größten Furcht uns Platz machten. Auch kamen einige Deutsche zu uns an den Wagen und fragten uns, da sie wahrscheinlich unsere Absicht wohl merkten, daß den Tag vorher Oesterreicher dort gewesen wären, welche sich indeß zurückgezogen hatten, daß sie indeß wahrscheinlich an demselben Tage auch wiederkommen würden. Man führte uns in die Mairie, woselbst uns die Bürger sehr höflich behandelten und uns sogar Wein vorsetzten, auch dem Maire gaben wir auf seine Frage die Antwort, wir hätten nach Autun wollen und sähen wohl, daß wir uns verirrt hätten. Worauf er uns denn anzeigte, daß er uns zurücktransportieren müsse, wogegen wir denn nichts weiter anfangen konnten. Allein es lässt sich denken, wie groß unser Schmerz und Verdruß war, so nahe vor der so sehnlichst von uns gewünschten Freiheit, nun in den Händen dieser Schurken. Obgleich der Maire unsere Absicht wohl durchschaute, so wurde er doch an unser ruhiges unbefangenes Wesen irre, da uns die Verzweiflung so viel trieb, uns in der Mairie ruhig hinzusetzen und Karten zu spielen. Wir setzten nach einigen Stunden Aufenthalt uns wieder auf unsern Wagen und fuhren so unter Bedeckung zweier Bürgergardisten zu Pferde wieder zurück, bis durch die Stadt begleitete uns noch ein ganzer Zug von Menschen, welcher uns erst jenseits der Brücke verließ. Wir fuhren denselben Weg zurück, den wir gekommen waren, wunderten uns aber, wie es möglich gewesen war, den fürchterlichen Weg und noch dazu im Dunkeln zu passieren. Wir langten am Abend ziemlich spät wieder in Beaune an und man brachte uns dort zu unserer großen Verwunderung in ein Gefängnis. Hier angelangt, war der größte Theil meiner Cameraden ganz in Verzweiflung, und ließ mit sich machen was man wollte. Ich konnte es aber nicht ansehen und trat keck gegen den Kerkermeister auf und sagte ihm, wir protestirten gegen ein solches Verfahren, wir seien Ehrengardisten und ich verlangte, daß man uns sogleich zur Mairie führte, welches denn auch geschah; diesem gaben wir dieselbe Antwort wie dem Maire zu Seurre, welcher hingegen laut auflachte, daß wir ihm so etwas weis machen wollten, bei welcher unserer Aussage wir indeß stets beharrten. Der Maire, welcher uns indeß nicht übel zu wollen schien, gab uns allen, nachdem wir einen Revers unterschrieben hatten, daß wir nicht von der Route abweichen wollten, Quartierbillette mit dem Bedenken, daß wir uns indeß den folgenden Tag sogleich nach Autun in den Marsch setzen sollten. Wir begaben uns darauf in unser Quartier und gingen den Abend noch nach Lamarohse, woselbst Stelling & Banning logirten und sich auch wieder zu denselben begeben hatten, wir wurden sehr gut, ja mit einer herzlichen Freundlichkeit empfangen und sehr bedauert, daß dies uns mißlungen sei. Gern hätte der brave Lamarohse uns gleich wieder bei sich behalten, allein es war unthunlich.

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Wir bekamen hier einen Rasttag (19. Januar 1814), an welchem man uns unsern uns zukommenden Sold bezahlte und indeß zu unser großen Verwunderung den Sold für die 4 Tg., welche wir zu Longres im Gefängnis zugebracht hatten, abzog und wo wir doch alles für unser Geld kaufen und mit schwerem Gelde bezahlen mußten. An demselben Tage erhielten hier in der ganzen Gegend alle Gendarmen Order, um nach Paris aufzubrechen, um diese Hauptstadt mit gegen die auf allen Punkten sich nähernden Alliierten zu vertheidigen; zugleich wurde hier unsere Marschroute verändert, zugleich mit dem Bestimmungsorte, denn wir sollten nun statt nach Grenoble nach Bourges, welches letztere Stadt ungefähr am Mittelpunkte von Frankreich liegt, da Grenoble bereits von den Alliierten besetzt war. Dies schien uns also der letzte Punkt uns in Freiheit zu setzen, da überdies die Alliierten schon in Diyon eingerückt waren. Wilkens und ich, die wir zusammen im Quartier lagen, beredeten uns deßhalb mit Stelling & Banning, die uns gegenüber beim Kaufmann Lamarohse im Quartier lagen. Diesen Lamarohse hatten wir mit unseren Vorhaben bekannt gemacht, der selbiges auch sehr billigte und deßhalb alle möglichen Erkundigungen einzog um zu erfahren, wohin wir am sichersten zu den Oesterreichern stoßen würden; allen Erkundigungen zufolge schien uns am Besten, nach Seurre, einer kleinen Stadt in der Saone uns zu begeben, welches 6 Stunden von Beaune lag und woselbst laut verschiedenen Nachrichten die Oesterreicher schon waren. Zu gleicher Zeit kauften wir zufällig von einem deutschen Schuster Schuhe, dick von Sohlen und mit schweren Nägeln beschlagen, ferner Gamaschen, welchem wir auch, nachdem wir ihn gehörig sondirt hatten, unsern Plan anvertrauten und dessen Gesell, auch ein Deutscher, entschloss sich, da wir ihn gut dafür zu bezahlen versprachen, uns dorthin als Lotse zu dienen; nichts konnte uns erwünschter sein als dies; wir machten uns deßhalb am Abend um 6 Uhr, nachdem es ziemlich dunkel war, auf den Weg; am Thore angekommen, sahen wir zu unserm Schrecken, daß wir 4, die wir uns zusammen zu desertiren verabredet hatten, nicht allein waren, denn einer von uns hatte nicht seinen Mund gehalten und standen am Thore noch 5 andere Cameraden, die uns dringend baten, sie doch auch mit zu nehmen und obgleich das Desertiren bei einer so großen Anzahl um so schwieriger wurde, so ließen wir uns doch bewegen; und sie schloßen sich uns an.
Wir gingen einzeln aus dem Thore, woselbst wir uns außerhalb der Vorstadt versammelten und dann in Begleitung unseres Boten ungefähr um 6 Uhr Abends unsern Marsch antraten, wir hatten einen schönen, sternhellen Himmel übrigens einen ganzen fürchterlichen Feld-Weg, wo wir fast immer bis an die Waden im Koth versanken. Mir stand das Gehen erst sehr sauer, indeß der Gedanke, vielleicht Morgen früh in Freiheit zu sein, gab uns Kräfte und wir marschirten immer tapfer darauf los; nachdem wir ungefähr die Hälfte des Wegs zurück gelegt hatten, führte uns unser Weg durch einen ziemlich großen Wald, in welchem wir Halt machten und uns an einer Quelle lagerten, um uns auszuruhen & einige Erfrischungen, die wir mit genommen hatten, zu Gemühte zu führen. Nachdem wir uns hier ungefährt 1/2 St. ausgeruht hatten, setzten wir unsern Weg weiter, wir waren indeß noch nicht lange gegangen, so merkten wir, daß unser Bote immer zurück blieb, weßhalb wir denn ein besseres Augenmerk auf ihn gaben; wir sahen bald, daß er von dem vielen Branntwein, den wir ihm gegeben hatten, ziemlich benebelt worden war, und zuletzt gar nicht weiter fort konnte & wir hatten Mühe, ihn bis zum nächsten Dorfe eine St. noch vor Seurre zu bringen, woselbst wir suchen wollten, einen Wagen zu bekommen; wir waren kaum in demselben angelangt, so fiel der Kerl vor Müdigkeit und Trunkenheit sogleich auf einem Misthaufen und schlief sogleich ein; wir klopften an einem Hause an und weckten endlich mit vieler Mühe einen Bauer, der uns indeß durchaus nicht die Thüre öffnen wollte, indem er uns die Nacht noch durch Seurre fahren sollte, wozu wir ihn trotz aller angewandten Überredung nicht bewegen konnten; er versprach uns indeß, den folgenden Morgen bei Tagesanbruch dahin zu fahren, mit dem Bedenken, wir sollten uns solange in die Scheuer legen; dies war für uns eine sehr üble Sache, wir mußten uns indeß doch dazu entschließen, legten uns also in die Scheuer und schliefen so getrost bis zu Tagesanbruch.

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Leider mußten wir am folgenden diese kleine Stadt schon verlassen und setzten unseren Marsch am 18ten Jan. nach Beaune, der haupt Weinhandelsstadt in der Burgogne weiter und kamen dort ziemlich durchnäßt an. Mein Quartier war nicht das beste, ich lag bei einem Platrier (1), während meine andern Cameraden fast alle sehr gute Quartiere hatten.

(1) Stuckateur

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Den folgenden Morgen, am 17ten Jan., fuhren wir wegen Mangel an Wagen dort sehr spät weg. Ich setzte mich sogleich mit auf den ersten Wagen, welcher für die Bagage bestimmt war, und die andern mußten nachher größtenteils zu Fuß nachgehen, wir kamen beim Dunkelwerden in Nuils, einer kleinen Stadt an, dieselbe ist wegen ihres Weinhandel mit dem dortigen Burgunderwein berühmt. Ich bekam ein sehr gutes Quartier bei einem Weinhändler, welcher uns indessen ausquartierte, dessen Commis ein Deutscher war und welcher uns dort in einen deutschen Club, welchen mehrere dort wohnende Deutsche angelegt hatte, führte. Noch mehrere von unseren Cameraden wurde von ihren Wirthen dort eingeführt, woselbst man uns traktirte und sehr freundschaftlich behandelte, wir waren so vergnügt, wie wir seit langer Zeit nicht gewesen waren und musicirten und zechten bis 1 Uhr in die Nacht hinein.

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D. 16ten Jan. gingen wir weiter nach Dijon, einer ziemlich großen und hübschen Stadt, auf dem Wege dahin passirten wir durch zwei schauderhaft schöne Thäler, die ringsum mit hohen Bergen umgeben waren.
In einem derselben, wo wir in einem Wirthshause einkehrten, trafen wir einige alte Bremer Inwaliden, die auf Wagen nach Paris transportirt wurden, um selbiges mit zu vertheidigen. Auf dem ganzen Wege passirten wir durch sehr schöne Gegenden. In Dijon hatte ich nur ein ziemlich mittelmäßiges Quartier.

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Am 15ten Jan. verließen wir die Stadt und fuhren nach Chanceaux, einem ziemlich großen Dorfe, wir hatten Thauwetter und dabei fast den ganzen Tag Regen. Ich bekam ein gutes Quartier mit andern, ein Theil blieb des schlechten Wetters wegen in einem Dorfe vor diesem liegen.

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Am 13ten Jan. verließen wir Arc und setzten unsere Reise nach Chatillon sur Seine weiter, hier kamen wir auch ziemlich spät an, bekamen aber fast alle sehr gute Quartiere. Ich lag bei ein paar alten Leuten, die den ganzen Tag vor dem Camin saßen. Bei unserer Ankunft zeigten sie erst uns die Küche zu unserm Aufenthalt an, allein da sie sahen, wer wir waren, so nöthigten sie uns in ihr Zimmer, woselbst wir sehr bewirthet wurden indeß bei den Alten ungeheuer Langweile hatten; wir legten uns deßhalb früh zu Bett und sollten den folgenden Tag weiter; da es doch indeß an Wagen fehlte, indem noch mehrere gefangene Spanier weiter ins Innere von Frankreich transportirt wurden, so blieben wir den folgenden Tag noch hier. Chatillon ist eine kleine Stadt, die weiter keine Merkwürdigkeit besitzt.

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Endlich schlug am 12ten Jan. die Stunde unserer Erlösung aus dem Gefängnisse. Ehe wir von hier gingen, ging ich zuvor nach dem Postmeister, dem H. Houbo meinen Mantelsack, im Fall er ihn bekommen haben sollte, hätte schicken wollen, allein auch dies war vergebens gewesen und ich habe nie etwas weiter davon erfahren können. Wir fuhren noch immer unter Bedeckung von Gendarmen nach Arg en Barrois und veränderten so wieder unsere Route, da unser Marsch auf Dijon bestimmt war, welcher Weg indeß nicht mehr sicher war, da dort schon allenthalben die Bayern vorgedrungen waren.
Die Kälte hatte an diesem Tage etwas nachgelassen, und wir bekamen anfangs Schneegestöber, welches sich bald in Regen und ein vollkommenes Thauwetter auflösete, worauf es denn so anfing zu glatteisen, daß unsere Mäntel mit einer ganzen Eiskruste überzogen waren; da hier keine Chaussee war, so wurden die Wege bei dem fortdauernden Regen so schlecht, daß wir oft bis über die Knöchel im Wasser gehen mußten, da man es der Kälte wegen auf dem Wagen auch nicht immer aushalten konnte. In Arc kamen wir erst gegen Dunkelwerden an, woselbst wir von der neugierigen Volksmenge sehr angegafft wurden und ziemlich spät und ganz durchnäßt, da wir noch auf die Quartier# lange warten mußten, in unserem Quartier ankamen. Das Meinige war sehr gut und die Leute setzten uns gleich zu Essen vor, welches wir indeß am folgenden Tag bezahlen mußten.
Arc ist eine kleine, niedliche Stadt, und liegt in einer recht hübschen Gegend im Thale zwischen Bergen eigeschlossen, dies soll der Geburtsort der Jungfrau von Orleans gewesen sein.

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Am folgenden Morgen d. 8ten Jan. kamen wir daselbst an und trafen unsere anderen Cameraden noch daselbst, welche aus Mangel an Wagen noch nicht abgefahren waren; wir verweilten dort beinahe noch 2 Stunden und ich machte mich, da noch keine Wagen da waren, mit noch einigen zu Fuß auf den Weg und wir langten auch eine gute Stunde früher als die andern in Langres an; diese Stadt liegt oben auf einem ziemlich hohen Berge, er ist eine Festung, indeß nicht mehr in dem besten Zustande, wir wurden durch das Klettern auf den Berg sehr ermüdet und gingen sogleich nach der Mairie, um uns Quartierbillette zu holen, woselbst man uns antwortete, daß dieselben schon abgegeben wären, wir gingen deßhalb in ein nahe gelegenes Caffeehaus, um die anderen Cameraden dort zu erwarten, während einer von uns ans Thor ging, um dieselben aufzupassen. Hier erwartete uns, wir, die wir nichts weniger als das vermutheten, ein neues Unglück, wir waren nämlich kaum eine viertel St. im Caffeehaus gewesen, so kam Schöttler, welcher am Thore gestanden hatte, mit einem Gendarmen zurück, welcher uns anzeigte, er habe Order uns unsere Quartiere zu zeigen, wir erschraken anfangs sehr darüber, beruhigten uns indeß bald, da er sagte, es sei ein großes Wirthshaus, allein der Schurke hatte uns betrogen, denn statt ins Wirthshaus führte uns der Hund ins Stadtgefängnis, wiederum in ein schändliches Loch. Als wir hier einige Zeit lang gewesen waren, so kamen auch die andern Cameraden und der Transport der Holländer, welche seit dem 4ten dieses Mts. zugestoßen waren, welche sämmtlich mit uns eingesperrt waren, von dem Gefängnißhof führte hier eine Thür in ein schlechtes, schmutziges und kaltes Loch, wir bekamen hier etwas Holz geliefert, welches indeß längst nicht hinreichte, um dasselbe zu erwärmen, wir mußten daher sehr vieles theuer kaufen. Wir erlebten hier 4 schreckliche Tage, in denen man uns bei der fürchterlichsten Kälte selbst nicht einmal die Gefangenenkost gab, welches um so schrecklicher für mehrere unserer Kameraden war, welche schon lange kein Geld mehr hatten. Wir sahen uns daher größtenteils gezwungen, von Wasser & Brod zu leben und zuweilen einige Kartoffeln, welche wir im Wasser kochten. Des Abends um 6 Uhr wurden wir wie die Schweine in noch schlechtere Löcher getrieben, vor welche Thüren ungefähr von der Höhe von 4 Fuß waren. Dieses waren kleine dumpfige Löcher mit eisernen Gittern statt der Fenstern versehen, diese mußten wir erst mit Stroh verstopfen, um bei dieser fürchterlichen Kälte nicht ganz zu erfrieren, als denn lag auf dem Fußboden 1 Fuß hoch altes Stroh, welches vielleicht schon mehrere Jahre gedient hatte und wo wir uns ungefähr mit 12 Mann vor Frost mit den Zähnen klappernd heineinwarfen und so fast die ganze Nacht wachend den kommenden Tag mit Sehnsucht entgegensahen, um unsere völlig erstarrten Glieder etwas durch ein spärliches Feuer zu erwärmen. So verlebten wir hier 4 fürchterliche Tage und Nächte, wo wir von einen auf den andern erwarteten, aus dieser schrecklichen Lage befreit zu werden.
Die Ursache unseres Einsperrens erfuhren wir erst später, es waren nämlich Bayern bis zu dieser Stadt vorgedrungen gewesen, wobei ein ziemlich hitziges Gefecht zwischen denselben und den Franzosen vorgefallen war.

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D. 7ten Jan. fuhren wir, nämlich Wilm, Cordes und ich, von hier ab; wir fuhren mit 2 fr Soldaten bis St. Hibaut, der ersten Etappe; weil die andern uns indeß schon einen Tag voraus waren, so mußten wir deßhalb weiter nach Montigeg von Muise; wir kamen indeß nicht mehr so weit, weil uns die Dunkelheit schon überfiel; wir mußten deßhalb die Nacht in einem Dorfe diesseits Montigeg bleiben; in dem Wirthshause tracktirte man uns mit Fröschen.

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die andern gingen am 6ten von hier weiter; ich blieb indeß den Tag mit 2 Cameraden noch dort, weil wir noch einen Boten deßhalb zurückgesandt hatten, da dieser indeß meinen Mantelsack nicht, sondern blos den eines meiner Cameraden wieder bekommen hatte, so fuhren wir am 7ten weiter. Ich hatte hier eine außerordentliche Aufnahme bei H. Houbo gefunden und logierte auch 2 Tage bei ihm.

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D 5. Jan. gingen wir von hier nach Neufchateau, einer kleinen Stadt, ab, auf dem Wege dahin hatte ich das Unglück, daß mir mein Mantelsack verloren ging; wir machten nämlich im Dorfe St. Martin halt, und während wir im Wirthshause einkehrten, so wechselten unserer Wägen mit anderen und unsere Mantelsäcke blieben darauf liegen, erst als die Wagen schon das Dorf verlassen hatten, erfuhr ich dies; ich nahm darauf gleich einen Wagen um erstere wieder aufzusuchen, konnte denselben aber aller angewandter Mühe nicht wieder bekommen und mußte mich so ohne denselben nach Neufchateau begeben. Hier wandte ich mich deßhalb sogleich an H. Houbo, dessen Bekanntschaft ich schon bei meiner letzten Anwesenheit gemacht hatte, welcher mir ihn ebenfalls, troz aller Bemühungen nicht wieder verschaffen konnte;

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D 4. Jan. gingen wir nach Colombey, einem kleinen Dorfe, woselbst wir uns in mehrere Wirthshäuser vertheilten.

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D. 3 Jan. gingen wir von hier ab nach Zezelire (Maizieres?), einer kleinen Stadt, woselbst wir ebenfalls für unser Geld in einem Wirthshause einquartirt wurden; hier wollten wir zuerst einen Versuch machen, aus den Händen der Franzosen zu entwischen, wozu unser Wirth uns Pläne in die Hände gab, weil indeß ein Theil unserer Cameraden in einem anderen Wirthshause schlief, welches von den Gendarmen schärfer bewacht wurde, so war dies nicht ausführbar u. wir mußten es daher dieses Mal unterlassen. Von hier wurde unsere Marschroute verändert, weil die Oestreicher & Baiern schon so weit in Frankreich vorgedrungen waren; und wir kamen daher wieder auf die alte Route unseres Marsches nach Lyon.

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Glückerlichweise gingen wir am 2ten Jan. des Morgens von hier wieder ab nach Nancy, woselbst wir unter Bedeckung von Gendarmen ungefähr um Mittag ankamen, hier hatten wir es freilich für unser Geld etwas besser. Wir kamen hier sämmtlich in ein großes Wirthshaus, und da es noch ziemlich früh war, so hatten wir Gelegenheit, die Stadt zu besehen. Nancy soll die schönste Stadt in Frankreich sein; sie hat sehr breite gerade gebaute Straßen und 2 schöne Plätze, der eine Place de Louis XVI., der andere ist beim Schlosse mit Büsten der ehemaligen fr. Könige besetzt, denen indeß in der Revolution die Köpfe abgeschlagen wurden; ferner war daselbst eine sehr schöne Promenade, die rund um die Stadt führte.

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Es war am 1ten Jan. (1814), also wir Metz verließen, nachdem wir ungefähr 4 Wochen in der Caserne unter Bewachung von Gendarmen daselbst zugebracht hatten. Es war kaltes Frostwetter und wir waren großtentheils sehr vergnügt, daß wir endlich diesen traurigen Aufenthalt verließen. Unterwegs sahen wir noch die Ruinen von alten römischen Wasserleitungen. Wir fuhren den ersten Tag bis Pont v. Mousson, als wir den unerwarteten Ärger hatten, daß man uns statt in Wirthshäuser einzuquartieren, in das dortige Stadtgefängnis sperrte, und die Ursache davon war, weil der vor uns abgegangene Transport (wir wurden nämlich in 2 Abtheilungen transportirt, wovon der erstere am 31ten v. Metz abgegangen war) den Gendarmen 30 fr. für die Bewachung im Wirthshause verweigert hatten. Man führte uns durch einen Gang nach hinten auf einen Hofplatz, von wo aus man in mehrere Gefängnisse ging, dieser wurde gleich hinter uns wieder verschlossen und so kamen die Verbrecher an den Thüren, wo sie uns als neue Cameraden durch eiserne Gitter anschauten. Nachdem wir hier ungefähre eine viertel Stunde gewesen waren, so kam der Gefängnißwärter zu uns und nahm ungefähr 12 von uns, worunter auch ich war, in ein etwas besseres Gefängniß, woselbst eingeheizt war. Dann konnten wir auch für Geld schlechte Betten für die Nacht bekommen, die übrigen mußten in einem Rattenloche auf faulem Stroh schlafen, auch mußte ich mich mit Stroh behelfen, indeß doch in dem warmen Zimmer. Noch ein Unglück war nun, daß wir fast nichts zu essen bekommen konnten, da der Kerkermeister ein Mann von 70 Jahren kindisch, die eine Tochter total besoffen und die andere fürchterlich dumm war, indeß gelang es uns, daß noch einige Kartoffeln gekocht wurden, die wir zwar sehr theuer bezahlen mußten, indeß doch unseren Hunger stillen konnten.

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Am 26ten Oct. (1813) hatten wir von hier den letzten Marsch nämlich nach Lyon, welches vorerst das Ziel unserer Reise sein sollte. Wir hatten nun dieser Tage sehr schlechtes Wetter mit Regen und Schnee untermischt, auch hatten wir heute viele hohe Berge zu passiren und allenthalben sahen wir deren mehrere, welche schon ganz mit Schnee bedeckt waren. Ich ging heute sehr viel zu Fuß, weil man es der Kälte wegen garnicht auf dem Pferde aushalten konnte, je weiter wir nach Lyon kamen, desto gebirgiger wurde es. Lyon selbst liegt zwischen lauter Felsen beim Zusammenfluß des Rheins und der Saone. Eine Viertel Stunde vor der Stadt kamen Bauern auf Eseln reitend, welche Ost und Gemüse auf diese Art zur Stadt gebracht hatten. Weil Lyon so sehr zwischen ungeheuren Felsen liegt, so bekommt man es garnicht zu Gesicht, und selbst, als wir bereits mitten in der Stadt waren, wußten wir solches noch nicht einmal. Wir ritten eine gute viertel Stunde durch mehrere Straßen und Brücken, wo wir denn alle sehr neugierig waren, was unser Schicksal hier sein würde, bis wir endlich Order erhielten, nach der großen Caserne zu reiten, woselbst alte Ehrengardisten sich befanden. Hier wurden 2 große Säle für uns eingerichtet, die wir bezogen, und zu zwei und zwei in einem Bette schliefen, indeß zu unserm Glück ganz von den verfluchten fr(anzösischen) Hunden abgesondert waren. Auch unsere Pferde standen in einem ganz aparten Stalle.
Wir blieben hier in Lyon bis zum 11ten Nov., wo wir Order bekamen, abzumarschieren und zogen auf der Route nach Straßburg.

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Am 25ten Oct. gingen wir von hier nach Willfrance, einem kleinen Stadtteile, woselbst wir fast alle wieder sehr schlechte Quartiere bekamen, welches mir indeß diesesmal ziemlich gleichgültig war, da ich wieder Stallwache in einem ziemlich schlechten Stalle bekam. Wir hatten heute wieder sehr schlechtes Wetter mit heftigem Regen untermischt. Es war hier gerade Markt. Wir hatten seit einigen Tagen schon immer die Schweizer Gebirge zu unserer Rechten liegen lassen, die uns besonders bei hellem Wetter und Sonnenschein, wo die Strahlen der Sonne auf die hohen Gletscher fielen, ein überaus schöner und ganz neuer Anblick für uns alle war.

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Ich hatte mich stark erkältet, so daß ich am andern Tag (24. Okt.), wo wir zum Glück Rasttag hatten, den ganzen Tag zu Bett bleiben mußte. Die Saone ist hier fast so breit wie bei uns die Weser, über dieselbe führt eine sehr schöne steinerne Brücke. Es wurde hier unter uns Halfter und Touragier Stricke vertheilt und uns zugleich das Putzen unserer Säbel und übriges Geschirr anbefohlen, welches ich indeß meiner Krankheit halber unterlies.

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Am 23ten Oct ritten wir von hier nach Macon, einem hübschen Städtchen ebenfalls an der Saone, ich hatte hier ein ziemlich gutes Quartier am Quai der Saone, die sehr schön hier ist und woselbst bis unten am Ufer Stufen angebracht sind, von hier geht ein Postschiff, welches von Pferden gezogen wird, nach Lijon. Wir hatten unsere Pferde hier im Stalle des Hotel l’Europe, einem sehr großen Wirthshause, stehen.

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Den folgenden Tag am 22ten Oct marschirten wir von dort nach Tournus, einer kleinen Stadt an der Saone ab. Wir hatten heute einen ziemlich hohen Berg zu passiren und sehr oft zu Fuß gehen, als wir endlich den Gipfel desselben bestiegen hatten, eröffnete sich vor uns eine herrliche Aussicht, denn gerade unten zu unsern Füßen floß die Saone vorbei, die man noch hinab sich fortschlängeln sah und woran am Fuß des Berges die Stadt Tournus lag. Wir hatten hier ziemlich gutes Quartier in einem Wirthshause, woselbst sich noch mehrere unserer Cameraden auch einmietheten; unsere Pferde standen hier nicht weit davon mit der ganzen Brigade in einem Stall. Wir ritten hier unsere Pferde in der Saone, dichte bei einem alten Schiffe, wo es sehr tief war. Ich ritt hier auf einem Maulesel, welcher dichte bei uns in einem andern Stall stand. Ich sang hier am Abend mit Berk und Wilms aus der Terzett, hier hatten unsere andern Cameraden mit ihrem Wirth im Wirthshause Schlägerei.

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Am folgenden Morgen den 21. Oct ritten wir von hier nach Chalons sur Saone ab. Ehe wir fortritten, machte ein Bauer noch Specktakel, weil einige unserer Cameraden für ihre Pferde Fourage von seinem Boden genommen hatten und als dieser ihnen solches verweigert, hatten sie denselben natürlich durchgeprügelt, worauf der Capitain sehr auf uns schimpfte und bei dieser Gelegenheit noch sagte: Ehrengardisten wollt ihr sein S…sgardisten seid ihr. Bei unserer Ankunft in Chalons mußten wir lange nach dem Fourier warten, welchen wir in der Stadt gar nicht finden konnten. Wir bekamen auch schlechte Quartiere. Ich hatte das meinige am Quai an der Saone bei einem Urmacher. Nahe dabei ging eine sehr schöne Brücke über die Saone. Unserer Pferde standen in einem großen Stall vor einem Wirthshause und sehr weit von unserem Quartier. Auf der anderen Seite des Quais ritten wir selbige ins Wasser. Hier war in der Stadt ein großer Obelisk zu Ehren des großen Banditen-Hauptmanns Bonapartes mit schändlichen Inschriften versehen, aufgerichtet. Rumpf wurde vom Capitain hier zum Brigadier ad interim ernannt.

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Am 20. Oct ritten wir von hier ab nach Beaume, der ersten Stadt in der Burgogne. Wir hatten hier einen ziemlich langen Marsch von 8 Stunden. Auch hier bekamen wir wieder wie gewöhnlich schlechte Quartiere und nicht einmal in der Stadt, sondern in der elenden Vorstadt. Weil mein Quartier zu schlecht war, so logirte ich in einem Wirthshause, welches nicht weit von dieser Stelle stand. Einer von unseren Cameraden wurde hier schändlich vom Capitain behandelt. Um unsere Fourage zu holen, mußten wir ganz durch die Stadt in die jenseitige Vorstadt gehen. Da mein Pferd hier die Nacht ein Füllen bekam, so wurde ich – welcher die Stallwache hatte -, noch im Schlaf gestört. Ich sollte durchaus aufstehen, wozu ich mich indeß nicht bequemte, sondern liegen blieb; das Füllen, welches auch sehr klein gewesen war und zu früh geboren wurde, war den folgenden Morgen schon von einem großen Kettenhunde verzehrt worden.

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Wir hatten hier Rasttag (19. Oct.), wo wir uns so ziemlich in der Stadt umsahen. Ich hatte hier das Unglück, daß ich wie ich mit meinem Pferde nach dem Schmidt ritt, auf den glatten Steinen, womit die Stadt gepflastert war, glatt hinstürzte und dabei mit dem Kopf heftig an einen Stein fiel. Wilm hatte hier einen kleinen Strich. Das Wetter fing hier an, sich etwas zu bessern.

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Den folgenden Morgen, d. 18ten Oct., gingen wir nach Dijon ab. Wir hatten helles Wetter und es wehte ein frischer Wind, der unsere Kleidung so ziemlich wieder abtrocknete. Wir erinnerten uns, daß in Bremen heute das Freimarkt anfing, welches wir auch in Diyon feierten. Ich hatte unterwegs wohl eine Ahndung von einer Schlacht und sagte dies auch zu einem meiner Cameraden, allein dachte ich nicht daran, daß dies der wichtige Tag für Deutschlands Freiheit war, wo die Franzosen total bei Leipzig geschlagen wurden. Wir bekamen hier wie gewöhnlich sehr schlechte Quartiere, ich wieder in einer gemeinen Kneipe mit Stock. Unsere Pferde kamen in eine Kirche, welche zu einem Stall eingerichtet war, zu stehen. Dijon ist eine große Stadt, hat viele Kirchen und fast lauter breite und gerade Straßen, die mit schönen und großen Häusern bebaut sind.

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Am 17ten Oct. marschirten wir nach Selongey, einem kleinen Flecken. Dieser Tag war für uns besonders deswegen merkwürdig, weil wir das fürchterlichste Wetter hatten, welches wir auf dieser ganzen Tour gehabt hatten. Es fiel den ganzen Tag ein unaufhörlicher fürchterlicher Platzregen; dabei stürmte es, daß wir Mühe hatten, uns auf unseren Pferden zu halten, und da wir den fürchterlichsten Sturm, verbunden mit Platzregen immer im Gesichte hatten, so konnten wir kaum Athem haben. Dabei hatten wir das Unglück, daß wir gerade an diesem Tage 8 Stunden zu machen hatten, während welcher Zeit wir auch nicht vom Pferde kamen und also durch und durch naß wurden. Es herrschte unter uns allen eine todte Stille und nur selten hörte man ein Wort sprechen als vielleicht ein Fluch gegen das Wetter. Es suchte ein jeder sich so viel wie möglich gegen den Sturm und Regen zu schützen und sich in den Mantel einzuhüllen. Da der Fourier heute auch des schlechten Wetters wegen nicht schnell hatte reiten können, so waren bei unserer Ankunft unsere Quartierbillette noch nicht fertig u. wir mußten eine gute Viertelstunde warten und um unsere Qual noch zu vollenden, so fiel während dem Halten ein so fürchterlicher Platzregen, daß auch der letzte trockene Faden, der noch an uns war, durch und durch getauft wurde. Um unsere Kleider zu trocknen konnten wir gar nicht denken, denn nun mußten wir gleich so naß wir waren für unsere Pferde fouragieren und es wurde schon eher dunkel, ehe wir dieselben abgesattelt, gefüttert und etwas abgespült hatten. Noch kam dazu, daß wir hier alle sehr schlechte Quartiere bekamen und der Hund unser Wirth wollte uns nicht mal etwas zu essen kochen und wir gingen deßhalb selbst zum Schlächter um uns Fleisch zu kaufen, wovon wir uns eine ziemlich gute Suppe kochten, die uns sehr nach der fürchterlichen Tour erquickte. Wilm hatte nur mit Mühe seine Stiefeln ausziehen können und mußte den andern Morgen, weil sie sich von der Nässe zusammengezogen hatten, mit Schuhen reiten, welches einen schönen Aufzug machte. Nach diesem Marsch schlief ich sehr gut in einem schlechten Bette, mußte am andern Morgen mein nasses Zeug so wieder anziehen.

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Den folgenden Tag am 16ten Oct. marschirten wir auch von hier wieder nach Langres, einer ziemlich großen Stadt, welche oben auf einem Berge liegt. Es ging sehr steil in die Stadt hinein und man merkte, daß es hier kälter wie unten war. Wir bekamen hier fast alle sehr schlechte Quartiere, so auch ich in einer elenden Kneipe. Dahingegen hatten wir für unsere Pferde einen sehr großen Stall, worin dieselben alle Platz hatten. Derselbe lag noch ganz voll Stroh, denn es waren erst kurz vorher russische Kriegsgefangne darin gewesen und es wimmelte darin voll von Ungeziefer. Um unsere Pferde zu tränken, mußten wir alle unten ins Thal reiten, weil in Langres das Wasser nur für Geld zu bekommen war. Langres ist eine sehr alte Festung und war bis dahin noch Jungfer und von keiner fremden Macht eingenommen gewesen, sie ist blos mit Mauern umgeben und deßhalb so fest, weil sie oben auf dem Berge liegt. Es ist besonders wegen der vielen Messerfabriken, die daselbst sind, berühmt.

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Von hier marschirten wir am Oct. 15 nach Montigny, ebenfalls einem Dorfe, und hatten immer noch schlechtes Wetter und Regen. Wir mußten hier bei unserer Ankunft sehr lange auf den Fourier warten, welcher noch nicht die Billette fertig hatte, bekamen ziemliches Quartier. Dichte bei uns wurden Preußen einquartiert. Wir mußten hier unsere Fourage mit Mühe unten aus dem Thale heraufschuften. Wir besuchten hier mehrere kranke preußische und russische Kriegsgefangene, die ohne unsere Hülfe von den französischen Hunden verhungert worden, und ich zankte mich hier mit mehreren von den Kanaillen herum, die die Leute ohne alle Nahrung so liegen ließen. Die meisten unserer Cameraden speiseten hier im Hotel de l’oms, welches das einzige Wirthshaus hier war.

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Oct. 14 marschirten wir wieder von dort ab, nach St. Hybeaut (1), einem ziemlich großen Dorfe. Wir versammelten uns am Ende der Stadt, wo wir vor einem Wirthshause aufritten und uns sehr spät zusammen fanden. Wir hatten heute wieder, wie die vorhergehenden Tage, schlechtes Wetter und Regen. Ich hatte hier mit Stock & Bredenkamp ein ziemliches Quartier und wir hatten auch dieses Mal unsere Pferde beim Hause. Dichte am Dorf war eine kleine Stadt auf einem ziemlich hohen Berge, welchen ich mit Altmanns bestieg und woselbst wir eine recht hübsche Aussicht über die umliegende Gegend hatten. Hier wurden auch die Russischen und Preußischen Kriegsgefangenen einquartirt. Wir waren hier im Stalle auf die Hühnerjagd, konnten aber keine atrapiren. V. d. Hellen wurde hier sehr stark von einem Pferde, wobei der die Stallwache hatte, geschlagen.

(1) Saint-Thiebault

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Wir hatten hier am 13ten Rasttag, den wir sehr froh zubrachten. Merkwürdig war dieser Tag, weil hier zwischen zwei unserer Cameraden ein Duell vorfiel von Harten & Wersabe, wobei ersterer ein Großprahler u. Schurke für einen seiner Streiche mit Wersabes Säbelhieb tüchtig belohnt wurde, indem derselbe ihm den rechten Arm fast ganz aufhieb, worüber wir alle sehr froh waren. Allein am Abend hatte der erbärmliche Kerl im Caffeehause nach seiner alten Manier ebenso wie vorher zu prahlen. Auch trafen wir hier unsere russische und preußische Kriegsgefangne, die hier von uns traktirt wurden.

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Am 12ten Oct marschirten wir wieder von hier ab und hatten wieder wie die Tage vorher ein schändliches Wetter und fast den ganzen Tag Regen. Wir passirten heute durch viele hübsche Gegenden, wo es viele Berge auf und ab ging und wir zogen auch diesmal in die Stadt Neufchateau im Regen ein. Wir bekamen hier fast alle sehr schlechte Quartiere; allein ich ließ mir solches nicht gefallen und ging nach dem Billetteur, wo ich noch nach vielem Herumzanken endlich ein sehr gutes Quartier mit Namen ….. bekam. Unsere Pferde standen auch nicht weit von da am Ende der Stadt, wo der Weg in die Weinberge ging. Ich machte hier die Bekanntschaft mit einem sehr reichen Particulier, welcher auch seinen einzigen Sohn unter der Ehrengarde hatte, welcher gerade gegen uns über wohnte, und wie er hörte, daß wir Ehrengardisten wären, uns gleich zum Essen einlud und uns sehr freundschaftlich und durchaus anlangte, daß wir bei ihm einziehen sollten, welches wir indeß, da es uns zu viel Umstände machte, nicht annahmen. Wir speiseten bei ihm sehr gut und thaten uns recht bene (d.h. gut) an dem schönen Wein, welcher uns daselbst praesentirt wurde. Auch erzählten wir ihm bei dieser Gelegenheit von den Schandthaten, die die Franzosen bei uns verübt hatten und von Vandammes (1) Greuelthaten und anderen Schurkereien, der sich die Franzosen bei uns bedient hatten, worüber er sich sehr wunderte und kaum glauben konnte. Wir nahmen als alte Bekannte von ihm Abschied und er lud uns ein, wenn wir einmal wieder daselbst durchkommen sollten, doch ihn ja wieder zu besuchen, welches wir auch nachher, wie es sich in der Folge zeigen wird, thaten.

(1) Dominique Joseph Vandamme (1770-1830), französischer General in Niedersachsen, der sich durch besondere Härte und Brutalität einen Namen machte.

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Am folgenden Morgen (11 Oct.), wie wir weitermarschirten, verließen uns auch unsere letzten Knechte, die hisher noch für die Brigadier bei uns geblieben waren. Man erzählte uns hier, die Rußen und Preußen seien bereits in Bremen, welches wir auch daher vermuteten, weil die Knechte ihre Marschrouten nach Hause über Holland bekamen, und man ihnen als Grund angegeben hatte, daß die andern Wege nicht mehr sicher seien. Wir hielten hier, um einen Rasttag zu bekommen, bei dem Capitän an, um diese Stadt noch recht in Augenschein zu nehmen, allein es wurde uns nicht gewährt, und wir mußten am folgenden Tag, wo wir ganz schändliches Wetter hatten, abmarschiren. Es regnete fast den ganzen Tag und wir kamen so ziemlich durchnäßt im Quartier an, in Colomberg (1), einem Dorfe, wo wir noch ziemliche Quartiere hatten. Ich hatte mit Stock noch ein ziemlich gutes Quartier bei einem Schreiber, der, wie die fr. Hunde alleso auch dieser sehr höflich war, allein das war auch alles, denn weiter bekamen wir nichts, und von Kratzfüßen kann man leider nicht leben, und so mußten wir auch hier unser Geld in ein Wirthshaus tragen. Unsere Pferde standen nicht weit vom Hause im Stalle mit denen von Giller & Gloystein. Es war hier im Dorfe, sowie fast in allen fr. Dörfern, ein sehr hübsches und reinliches Caffeehaus, wo wir den Abend zubrachten.

(1) Colombey-les-Belles

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Am 10ten Oct marschierten wir von da nach Nancy, der schönsten Stadt, die wir bis dahin gesehen hatten. Sie hat lauter breite und sehr gerade Straßen, viele große schöne Häuser und besonders 2 herrliche Plätze, der Place de Louis XVI, welcher sich durch schöne geschmackvolle Gebäude besonders auszeichnete, der andere Platz, wovon mir der Name entfallen ist, war durch ein sehr schönes Thor mit diesem verbunden und auch rundumher mit den schönsten Häusern bebauet. Auf der einen Seite stand das Gouvernement Gebäude, welches unten ganz mit den schönsten Büsten der Könige von Frankreich geziert war, wovon indeß in der Revolution die Köpfe ihrer sämtlich abgeschlagen waren. Auf dem Place de Louis XVI, woselbst wir auch aufritten, war das Schauspielhaus, nahe davon das Café de la Comedie, welches sehr brillant eingerichtet war und mit mehreren Marmortischen geziert. Ich hatte ein recht gutes Quartier auf dem Markt auf einen ziemlich großen Platze in einem Wirthshause mit Stock, Zolleit und Gilla, wir hatten unsere Pferde bei dem Hause im Stalle. Dichte dabei war eine katholische Kirche, wo des Abends bei voller Erleuchtung gepredigt oder vielmehr gesungen und gebabbelt wurde. Es war gerade Sonntag und so war es hier denn sehr belebt auf dem Platze und in den Straßen, wo alles sehr geputzt einher ging. Die folgende Nacht hatten wir starken Sturm und dabei heftigen Regen. Noch zu bemerken war hier, daß sich hier sehr viele spanische Kriegsgefangene aufhielten und besonders Officiere, die meistentheils sehr reiche Leute waren, die hier viel Geld durchbrachten. Sie zeichneten sich dadurch aus, daß sie alle rothe Cocarden trugen.

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Am 9ten Oct marschirten wir von Metz wieder ab und gingen nach Pont à Mousson, woselbst wir um Mittag ankamen. Pont à Mousson ist eine ziemlich hübsche Stadt und liegt auch an der Mosel. Ich hatte hier noch ein ziemliches Quartier, konnte es indeß nicht benutzen, weil ich diese Nacht von unserer Brigade zum ersten Male Stallwache hatte. Es war ein herrlicher Abend und der Mond schien so freundlich auf uns herab, ich blieb deßhalb noch bis fast 12 Uhr auf, wo ich mit Wilm Duette spielte, welches in der Nacht weit forthallte. Hier hatte ich eine sehr unruhige Nacht, weil meine Cameraden, die mit mir die Stallwache hatten, eingeschlafen waren und ich nun über 70 St. Pferde allein die Aufsicht hatte und folglich jeden Augenblick mit dem Besenstiel zwischen die Teufel herum agiren mußte, theils um die unverträglichen mit Stockschlägen zu belohnen und theils, um diejenigen, die sich losgerissen hatten, wieder festzubinden. Am meisten machte mir diese Nacht Zolleit sein Henst zu schaffen, der gar keine Ruhe halten wollte und den ich mehrere Male festband und mit Stockschlägen zu denken wußte. Der Morgen war mir deßhalb sehr willkommen, wo ich mich endlich gemütlich wieder zu Pferde setzen konnte, überhaupt war die beste Zeit für uns, sobald wir aufgesessen und auf dem Marsch waren, denn sobald wie wir in Quartier kamen, hatten wir fast immer zu quälen und zu arbeiten. Es kamen hier am Abend auch noch eine Compagnie vom 3ten Regiment der Ehrengarde, die von Toul kamen und nach der Armee sollten. Diese bestand fast aus lauter Holländern und Italienern.

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Am 8ten Oct hatten wir hier Rasttag, wo wir rasend viel bei unseren Pferden zu quälen hatten, es war auch hier das erste Mal, daß ich mein Pferd selbst beschlagen laßen mußte, wobei ich mich denn ziemlich abquälte. Übrigens ist Metz sehr befestigt, indeß hatte damals nur eine kleine Garnison. Auch sahen wir hier in der Cathedralkirche zuerst die verfluchte Alfanzerei (1) bei catholischen Gottesdienste.

(1) Gaukelei, Betrug

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Am 7ten Oct morgens marschirten wir von hier nach Metz ab. Als wir am Morgen aus der Stadt ritten, begegnete uns noch die Compagnie Garde d’honneurs vom 2 Regiment, die auch ausmarschirten, um zu exerciren. Wir zogen in Metz im vollen Staat ein und ritten daselbst auf dem großen Platze auf, wo wir auch unsere Quartierbillette bekamen. Wir wurden hier nämlich alle in drei große Wirthshäuser einquartirt und ich hatte hier mit Lindeloff und noch einem ein sehr gutes Zimmer, allein in dem Wirthshause, wo wir speiseten, wurden wir verdammt geprellt, auch war es überhaupt sehr theuer. Der Stall für unsere Pferde war ein Keller, welcher bombenfest war und gewölbt. Wir bekamen hier unsere Fourage dichte bei der Caserne der andern Ehrengardisten, welches beinahe eine halbe St. vom Stalle war. Metz hat sehr viele große Häuser und ziemlich breite Straßen. Wir besahen hier die schöne Cathedralkirche, welche nahe einem sogenannten Place Napoleon liegt. Hier wohnten sehr viel Bijoutiers (1) und wir zählten in einer Straße 21 Goldschmiede. Es gehen hier in der Stadt 3 Brücken über die Mosel. Auch sahen wir hier die beiden ersten Telegraphen, welche fast immer in Bewegung waren. Am Abend gingen wir hier in das Café de la Comedie, welches das schönste war, welches ich bis dahin gesehen hatte. Es war daselbst sehr brilliant eingerichtet und mit mehreren Archantischen Lampen illuminirt und auch hier waren wie in allen fr. Caffeehäusern 10-12 St. Marmortische.

(1) Schmuckhersteller

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Am 6ten Oct gingen wir nach Thionville ab, der ersten Stadt, wo lauter Französisch gesprochen wurde. Hier trafen wir eine Compagnie vom 21ten Regiment an, welches fast lauter Holländer waren, die von Metz, weil es daselbst zu voll war, hierher caserniert und einexercirt wurden. Unsere wurden hier einquartirt, wo wir erst über die Mosel gingen, wo eine ganz bedeckte hölzerne Brücke hinüberführte. Wir wurden hier, welches für uns noch ein ganz neuer Anblick war, von einem Haufen Jungen umblagert, welche uns mit ihren unaufhörlichen Schreien cirer vos bottes amo paralique cirer ihre Dienste uns die Stiefeln zu putzen, anboten, worfür man diesen Buben einige Sous gab, indeß machte mich das ewige französische Geplapper so toll, daß ich die Buben hätte alle in die Fressen schlagen mögen. Ich hatte hier auch mit Stock ein erbärmliches Quartier. Am Abend hatten einige unserer Cameraden noch Streit mit den Gendarmen und es wurden selbst einige davon arretirt.

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Am 5ten Oct. gingen wir von da nach Luxemburg. Wir hatten an dem Tage ziemlich schlechtes Wetter und es regnete fast den ganzen Tag. Als wir vor Luxemburg ankamen, wollte man uns nicht einlassen, weil der Commandant noch keine Erlaubniß dazu gegeben hatte, wir mußten hier also 1/2 St. lang im dicksten Platzregen vor dem Thore halten, wo wir denn natürlich ganz durchnäßt wurden.
Luxemburg ist ungeheuer fest und soll nach Gibraltar die erste Festung sein. Ehe wir in die Stadt kamen, mußten wir erst über 5-6 Brücken und zuletzt eine ungeheuer steile gepflasterte Straße hinanreiten, wo wir alle Augenblicke riskierten, mit unsern Pferden zu stürzen. Ich bekam mit noch 5 anderen ein sehr gutes Logis in einem großen Wirthshause, wo wir indeß nicht speiseten, weil wir merkten, daß sie uns daselbst tüchtig geprellt haben würden.
Luxemburg ist eine hübsche Stadt und hat sehr viele große hübsche Häuser und mehrere offene Plätze. Wir mußten hier sehr lange auf unsere Fourage warten, woselbst bei dieser Angelegenheit Lindelof seinen Bruder daselbst antraf, der von Paris kam und nach Heidelberg gehen wollte. Er begleitete uns noch einige Tage, bis nach Metz, wo er uns verließ und über Mainz nach Heidelberg abging. Bis hier hatten wir das Vergnügen, daß daselbst noch immer deutsch gesprochen wurde.

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Am 4ten Oct. marschirten wir von hier ab, nach Krevemacher (1), einem Flecken, wo ich mit Stock ein sehr gutes Quartier hatte. Gegen uns über, wo wir unser Stall hatten, wohnten 3 alte Jungfern, wovon 2 unklug waren und die dritte dieselben unter Aufsicht hatte. Im Wirthshause, wo der Capitain logirte, war ein Rabe, der sehr gut sprach und uns viele Belustigung machte.

(1) Grevemacher

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Am folgenden Morgen (3. Oct.) ritten wir denn auf einem kleinen Platze unweit des Stalles, wo der Commandant uns nach der Reihe aufrief, uns angaffte und dann wieder nach der Stelle zurückreiten ließ. Da wir den Nachmittag für uns hatten, so benutzte ich diese Gelegenheit um mich ein wenig in der Stadt umzusehen. Trier ist eine sehr große Stadt und hat auch ziemlich viele große Häuser. Die größte Merkwürdigkeit war daselbst ein altes Gebäude (1), welches noch von den Römerzeiten herstammte, welches indeß beim Einzuge der alles zerstörenden Franzosen auch von denselben nicht verschont geblieben war. Das Gebäude, welches nämlich, nachdem die christliche Religion in dieser Gegend eingeführt war, von den Christen zu einer christlichen Kirche umgeschaffen und nicht allein zu einer, sondern man hatte mit der Zeit unten, wo ein ungeheuer großes Gewölbe war, und zugleich darüber noch eine Kirche gebaut, so daß hier drei Kirchen übereinander standen. An der einen Seite rechter Hand links, wo man durch die kleine Pforte geht, nachdem man drei Tritte, keine Abtritte, hinaufgestiegen ist, bietet sich dem Auge ein majestätischer Anblick dar, drei Solvonenia in einer Reihe erheben sich im Hintergrunde des Gebäudes, wo der Sage nach St Petrus selbst seine Nothdurft mit eigenen popo verrichtet haben soll, obs wohl wahr ist?
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Dieses allerliebste Gewäsch ist von meinen verpfluchten Cameraden Weber und Teitzmann ohn mein Wissen und Willen hinterlistiger Weise niedergeschrieben worden.
A. W. Gildemeister
d. 11ten Nov. 1814
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Diese war ganz mit Blei bedeckt gewesen und die Gelehrten sind uneinig, ob es oder Harzer Blei gewesen ist. Die Franzosen endigten bald darauf den Streit, indem sie Kugeln daraus machten, und die Franzosen, die dieses besser zu benutzen wußten, nahmen alles Blei herunter, und man behauptet, daß über 1 Million Francs und 10 Centimen an Werth davon gekommen sei. Ich stieg noch über eine alte steinerne Treppe bis oben auf den Thurm, woselbst man eine sehr schöne Aussicht hatte. Am Nachmittag gingen wir zum Thore hinaus, um daselbst noch eine kleine Kirche zu besehen. Dies war eine der schönsten Kirchen, die ich bis dahin gesehen hatte, und hauptsächlich die Malerei unter dem Boden der Kirche besonders schön. Der Maler, der diese gemalt hatte, hätte 3 Jahre darauf zugebracht, wo er immer auf dem Rücken im Bette liegend solche vollbracht. Ich war eine gute halbe Stunde daselbst, konnte mich aber doch nicht an der schönen Malerei statt sehen. Trier ist eine sehr große und hübsche Stadt, hat viele breite Straßen, große Häuser und mehrere große Plätze.

(1) Die Porta Nigra

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Am 2ten Oct. marschirten wir von hier. Wir machen an diesem Tage 2 Etappen und überschlugen dabei ein schlechtes Dorf, Herzeratte (1), um in Trier wieder einen Rasttag zu halten. Wir hatten an diesem Tage sehr schlechtes Wetter und kamen in Trier bei einem fürchterlichen Regenguß an, so daß wir, da wir noch 1/4 St. auf dem Platze auf unser Billet lauern mußten, fast ganz durchnäßt wurden. Wir bekamen für unsere Pferde den ehemaligen kurfürstlichen Marstall zum Quartier, welches ein ungeheuer großer, gewölbter Stall war, wo mehr als 200 Pferde stehen konnten.
Ich bekam mein Quartier, nachdem ich erst eine halbe Stunde herumgelaufen war, erst bei einer Isen, die uns ausquartierte, endlich mein Logis bei einer Bäckersfrau, welche zugleich eine Wirthschaft hatte und die Schwester unseres ehemaligen Procureurs Krell war. Hier hatte ich mit Stock es ziemlich gut und wir aßen auch zugleich ziemlich billig daselbst. Am Abend wurde es uns beim Apell gesagt, daß wir den folgenden Tag die Revue vor dem dortigen Commandanten passiren sollten, und wobei uns zugleich anbefohlen wurde, unsere Sachen zu putzen und unsere Säbelcoppel zu welches ich indeß unterließ, da der meinige vom Regen ganz durchnäßt war.

(1) Hetzerath

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Am 1ten Octob. hatten wir hier Rasttag, wo wir denn tüchtig unsere Pferde putzen und unsere Sachen wieder in gehörigen Stand setzen mußten.
Auch sangen wir hier das erste Mal mit Bock und Wilmanns aus meinen mitgenommenen Terzetten. Einer von unseren Cameraden bekam hier Arrest, weil er sich mit einem Brigadier herumgezankt und ihn geschimpft hatte.

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Am 30ten Sept. ritten wir von da nach Wittich (1). Beim Apell des Morgens hatten wir den Spaß, das 2 Esel, wovon der eine im Stalle stand und der andere von der Landstraße hergetrieben wurde, ein so grimmiges Douett anstimmten, daß der Capitain kaum sein eigenes Wort hören konnte. Ich bekam hier in Wittich ein ziemlich mittelmäßiges Quartier bei einem fürchterlichen Geizhals, der sich kaum überwinden konnte, uns gegen Bezahlung nur ein Stück Brodt zu überlassen. Unsere Pferde standen hier dichte bei einem kleinen Flusse, in einem kleinen Stall so eng zusammen, daß man kaum dazwischen kommen konnte um sie zu füttern und zu putzen. Wir hatten mit unserem Wirth immer Lärm und der Kerl that den ganzen Tag nichts als Brummen und Schelten. Da wir am Abend etwas spät zu Hause kamen, so begegnete sich noch ein sonderbarer Zufall. Als wir nämlich um 9 Uhr noch nicht zu Hause sind, geht der alte Kerl mit einer Leuchte auf die Straße um uns zu suchen und stößt zufälliger Weise auf Wilmanns, den er, da er auch die Uniform hatte, für einen von uns hielt, zackt ihn an und will ihn mit hach hause schleppen Wilm, welcher gar nicht weiß, was der Kerl will, stößt ihn zurück und geht weiter, worauf denn der alte Teufel sein Suchen auch fortgesetzt hatte. Dies erzählte er nur am folgenden Morgen, worauf ich denn nur lachen mußte, da uns der alte Kerl sagte, er hätte uns den ganzen Abend gesucht.

(1) Wittlich

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Am 29ten Sept. setzten wir unsern Marsch von hier fort nach Luthzerat in ein noch schlechteres Dorf wie alle vorherigen. Wir kamen den Tag durch das Mörderthal und über mehrere hohe Berge. Das Mörderthal ist eine schauerlich schöne Gegend, wenn man unten im Thale ist, so ist man rundum von ungeheuren Bergen umgeben, welche dicht mit ungeheuren Bäumen bewachsen sind, unten im Thale floß ein kleiner Bach. Hier in dieser Gegend und besonders in diesem Thale hatte Schinder-Hannes sein Regiment geführt und er hätte auch wirklich keine paßlichere Gegend als diese zu seinem Aufenthalt wählen können, weil alle Berge so ungeheurer mit Holz bewachsen sind. Auch sollen hier zu der Zeit, wie die alten Römer hier noch gewesen waren, 80.000 Weiber und Kinder, welche sich daselbst hineingepflüchtet hatten, von denselben ermordet sein, wovon das Thal eigentlich seinen Namen haben soll. Hier in Luzerath hatte ich Streit mit meinem Wirth, weil derselbe mir im Stalle, wo ich bei meinem Pferde schlief, kein Stroh geben wollte und weil mein Pferd, welches sich beim Striegeln losriß, demselben seinen Schweinestall eingerannt hatte, welchen ich natürlich nicht wieder bezahlen wollte. Ich hätte das alte Weib, welches ein wahrer Satan war, bald durchgeprügelt, allein durch Vermittlung eines andern Bauern blieb es dabei und ich schimpfte mich tüchtig mit ihr herum. Ich bemächtigte mich darauf selbst des Strohes, das ich genug auf dem Boden fand, und dazu noch einige Bunde Gersten Ähren, worin sich mein Pferd die Nacht bene that.

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Es kamen den folgenden Morgen sehr viele bei Apell zu spät, weil sie noch nicht mit Satteln der Pferde umzugehen wußten.
Am 28ten Sept. setzten wir unseren Marsch nach Klagsasesch (1). Der Weg ging diesen Tag immer bergauf bergab, wo es denn alle Augenblicke hieß: Halt! pied a terre, wozu denn die wenigsten Lust hatten und besonders viele von den letzten auf den Pferden sitzen blieben, allein diese wurden auch bald, sowie es der Capitain bemerkte, mit einem höllischen Fluche heruntergetrieben. Ich bekam hier mit Stock wieder ein ziemlich elendes Quartier, wo wir natürlich wieder auf Stroh schlafen mußten. In dem ganzen Loche war nur ein einziges Wirthshaus, wo über der Thür Napoleon abgebildet war.

(1) gemeint ist Kaisersesch.

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Am 27ten Sept. gingen wir von Coblenz ab und hiermit verließen wir den Rhein. Die Gegenden wurden hier schon etwas kahler, und ebener, wir hatten hier am Morgen den sonderbaren Anblick, daß die Wolken hier unten an den Bergen lagen, welches in der Ferne wie ein Meer aussah, wo hinter die Gipfel der Berge durchblickten, welches ein ganz eigener Anblick war.
Wir bekamen hier unser Quartier in einem elenden Dorfe Polich (1). Ich kam mit Altmanns in eine elende Hütte, davon man hier in der Gegen gar nicht hat, in Quartier, und dichte bei einem elenden Stalle kamen unserer Pferde zu stehen.
Hier mußten wir zuerst unsere Pferde putzen, füttern, auf- und absatteln, welches uns erst sehr schlecht anstand, wir gewöhnten uns indeß bald daran. Ich schlief mit Altmanns bei einem Krüsel ein einem kleinen elenden Loche auf Stroh.

(1) Polch bei Koblenz.

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Ich machte darauf mit 2 meiner Cameraden Anstalt, um am 26ten Abends durch die Lappen zu gehen.
Ich ging gegen 4 Uhr über den Rhein, wo ich die andern erwartete. Hermann war auch bereits herüber, allein Hellen hatte es mit der Angst gekriegt und wollte es durchaus nicht wagen, worauf wir denn, da wir nur 2 waren, es auch allein nicht wagen wollten, wir fuhren also am Abend im Mondschein wieder zurück, wo ich mit Wilm noch Douette auf dem Rhein blies. Hier lagen die Ruinen der zerstörten Festung Ehrenbreitenstein in einer fürchterlichen Höhe über unserem Haupte, welches einen schönen Anblick gewährte. Fast alle meine Cameraden waren oben auf Ehrenbreitenstein gewesen und konnten nicht genug von der ungeheuren Befestigung und der schönen Aussicht, die man oben genoß, rühmen.
Als ich am Abend zu Hause kam, hatte ich ungeheuer zu thun um meine Sachen wieder in Ordnung zu bringen, weil alles umher lag, womit ich indeß noch ziemlich schnell zu Stande kam. Wir hatten es bis jetzt noch ziemlich gut auf unserer Tour gehabt, weil wir bis hier nämlich je 3 und 3 einen Knecht für unsere Pferde gehabt hatten, allein daß hatte nun ein Ende, da unsere Knechte uns alle bis auf die Brigadier verließen und wir mußten nun unsere Pferde selbst putzen.

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Am 25ten Sept. marschirten wir weiter nach Coblenz. Wir hatten hier viele Umstände mit unsern Quartieren bei ………. allein wir mußten uns begnuegen und in einer ziemlich mittelmäßigen Kneipe umquartieren zu lassen. Da wir hier den folgenden Tag Rasttag hatten und mir es hier als eine sehr gute Gelegenheit schien zu desertieren, so verabredete ich mich noch mit 2 meiner Cameraden um den folgenden Abend über den Rhein zu gehen und so auch Marburg zu unterweisen: nach allen Erkundigungen, die wir hierüber einzogen, schien uns dies die beste Gelegenheit zu sein, besonders, da wir uns jetzt immer mehr vom Rhein entfernten.

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Am 24ten Sept. gingen wir weiter nach Andernach, einer kleinen Stadt, wir hatten auf dem Wege dahin immer dicht am Rhein und zwischen lauter Weinbergen, wo wir dann sehr oft Gelegenheit hatten, die Weintrauben vom Pferde herunter zu pflücken. Ich hatte daselbst mit Oltmanns ein sehr gutes Quartier bei einem Apotheker. Da wir auch sehr früh ankamen, so benützten wir diese Gelegenheit und bestiegen am Nachmittag mit Wilmans einen dichten vor der Stadt belegenen ziemlich hohen Berg, wo wir oben nachdem wir 3/4 St. beinahe gestiegen waren, und doch nicht den Gipfel erreichen konnten daselbst, durch eine herrliche Aussicht, die wir daselbst hatten, trefflich belohnt. Grade vor uns zu unseren Füßen lag die Stadt Andernach, wo wir beinahe gerade in die Straßen hinein sehen konnten, hinter der Stadt konnte man den Weg, der nach Coblenz führte, sich schlengeln sehen, und links sahen wir den Rhein zu unseren Füßen, der sich in mehreren Krümmungen durch die Gebirge hinschlängelte, und die jenseits des Rheins liegenden Berge, welche auch dicht am Ufer des Rheins sich erhoben, waren fast ganz in dicke Wolken eingehüllt, die jeden Augenblick drohten in Regen herabzustürzen. Während wir hier oben noch im Anschauen der schönen Aussichten begriffen waren, hörten wir mehrere Stimmen unserer Cameraden, die sich auch bald zu uns gesellten, und die uns erzählten, daß sie an den steilen Felsen dicht am Rhein mit Lebensgefahr heraufgeklettert waren. Nachdem wir uns hier recht satt gesehen hatten, traten wir unseren Rückweg an, und aßen noch unten am Berge, welcher ganz mit Wein bepflanzt war, tüchtig Weintrauben und kehrten erst gegen Abend in die Stadt wieder zurück. Am Abend besuchte ich noch v. d. Hellen, welcher ein sehr gutes Quartier und bei welchem ich auch speisete.

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Am 23ten Sept. hatten wir einen sehr schönen Weg am Rhein hin, wo wir nunmehr zwischen dem Rhein und ungeheuren Felsen hin ritten nach Remagen. Auf den Bergen lagen dichte Wolken, wo zwischendurch Ruinen hervorschauten. Ich hatte hier ein sehr schlechtes Quartier und mein Pferd stand hinter dem Hause in einem elenden Stalle. Es regnete den ganzen Abend und die folgende Nacht immer zu, mehrere von unseren Comandanten bekamen Lärm mit den Duanen (1) weil sie sich wider ihren Willen über den Rhein setzten, wo sie Taback u.s.w. herüber schmuggelten.

(1) Duane, Douanier: franz. Zöllner.

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und am 22ten nach Bonn abmarschirten. Von hier gingen wir immer am Ufer des Rheins, wo wir jeden Augenblick die schönsten Aussichten hatten. Wir bekamen hier ein sehr schlechtes Quartier, nachdem wir 2-3mal gewechselt hatten. Bonn ist übrigens eine recht hübsche Stadt.
Am Abend sahen wir von Mad. Haendel comische Darstellungen. Die andern besuchten den Schloßgarten, wo sie eine sehr schöne Aussicht über die 7 Berge hatten.

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Wir hatten am 21ten Sept. Rasttag, wo wir einen neuen Trompeter bekamen,

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Am 20ten Sept. ritten wir von Neuss nach Cöln, aber wir hatten dieses Mal eine sehr große Etappe, hatten sehr viel von Hitze und Staub auszustehen. Nachdem wir durch viele krumme und enge Straßen geritten waren, kamen wir endlich auf einen recht hübschen Platz, wo wir halt machten und unsere Quartier-Billette bekamen.
Fast alle klagten über sehr schlechte Quartiere, allein ich hatte mit Stocke das Glück ein sehr gutes bei einem Junggesellen zu bekommen, mit welchem wir zu Tische speisten und brav Rheinwein tranken.
Cöln ist eine sehr große Stadt und hat ca. 40.000 Einwohner. Nur schade, daß sie fast lauter krumme und enge Straßen hat, welches der Stadt ein sehr düsteres und trauriges Ansehen geben. Der Wein kostet hier noch 20-24 Groschen. Die größte Merkwürdigkeit ist hier ohne Zweifel der Dom, ein ungeheuer großes, schönes Gebäude, leider, daß sowohl der vordere Theil der Kirche, als auch der Thurm nicht fertig geworden ist. Vom inwendigen Theile der Kirche ist bloß der Altar bebaut, allein dieses auch mit einer ungeheuren Pracht, derselbe ist ganz von schwarzem Marmor, sowie auch unten der ganze Fußboden, das Crucifix auf dem Altar ist 2/2 Fuß hoch, woran das von gediegenem Silber und der Christus von Gold ist. Hinter dem Altar steht ein herrliches Gemälde, welches die Anbetung der heiligen 3 Könige darstellt und welches für ein großes Meisterstück gehalten wird.
Die Höhe der Kirche über dem Altar ist 188 Fuß. Von da besuchten wir noch einen kleinere Kirche und gingen zuletzt in einen Weingarten, wo wir brav Weintrauben aßen.

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Am 19ten Sept. marschirten wir weiter nach Neuss, einer kleinen, aber hübschen Stadt, weil wir bis dahin nur 4 St zu machen hatten, so kamen wir schon um 12 Uhr daselbst an. Ich speisete hier im Wirthshause à 36 Groschen und hatte ein sehr schlechtes Quartier; wir benutzten diesen Nachmittag und fuhren fast alle über den Rhein nach Düsseldorf, einer sehr schönen Stadt; sie hat lauter große Häuser und die Straßen ebenso wie Crefeld fast alle mit sehr glatten schwarzen Steinen gepflastert. Wir kehrten hier in einem Caffeehause ein, wo alle möglichen Zeitungen vorhanden waren, die aber nichts erfreuliches für uns enthielten; wir besahen hier auf dem Markte die schöne bronzene Bildsäule von Churfürst Wilhelm zu Pferde (Großvater Fried. des Großen), von da gingen wir auf dem Wall und in den schönen Schloßgarten, ersterer ist sehr hübsch angelegt, nur, daß er noch nicht so bewachsen war wie der unsrige. Der Schloßgarten ist sehr hübsch und im Engl. Geschmack angelegt. Da es gerade Sonntag war, so war sowohl der Wall wie auch der Schloßgarten mit sehr vielen Menschen theils aus der unteren Classe, als auch mit beaumonde angefüllt. Vom Schlosse sieht man nur noch die Ruinen, es soll sehr schön und groß gewesen sein; es ist im Oestr. Kriege 1792 ganz zusammen geschossen und war auch bis dahin noch nicht wieder aufgebaut. Auch war zum Unglück der Marstall daselbst leer, denn die Pferde standen auf dem nächsten Dorfe. Wir gingen erst am Abend um halb acht Uhr wieder zurück und ließen uns dieses mal mit der fliegenden Brücke über den Rhein setzen.
Wir trafen hier noch v. Achen an, der uns mit an das jenseitige Ufer des Rheins begleitete und uns erzählte, daß die Briefe nach Hamburg wieder zurückgekommen wären und nach Briefen aus Hannover man daselbst in einigen Tagen die Russen erwartete. Wir kamen am Abend um 9 1/2 Uhr sehr ermüdet in Neuss wieder an, wo ich nicht in meinem Quartier sondern bei von der Hellen in dessen Quartier schlief.

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Am 18ten Sept. ritten wir hier, nachdem wir uns mit dem Detaschement vereinigt hatten, von hier nach (Crefeld) Creveld ab, wir hatten sehr schönes Wetter und bekamen manche schöne Landschaft zu Gesicht. Wir kamen am Mittag in Creveld an, bekamen aber fast alle sehr schlechte Quartiere. Mein erstes Quartier war bei einem Schmiede, welcher mir auch gleich Essen vorsetzte, ich sollte indeß in einem erbärmlichen Loche schlafen, wofür ich mich bedankte und ging zum Quartier-Bureau, zankte mich mit dem Kerl tüchtig herum, erlangte indeß nichts damit.
Ich bekam indeß noch zufällig bei Wilm ein Quartier, wo ich bei den Leuten sowohl schlief, als auch speisete und trank, indeß zu dem Caffee keinen Zucker bekam, weil der Zucker damals 2 1/2 Franc per Pfund kostete. Creveld ist eine sehr hübsche, kleine Stadt, hat breite gerade mit schwarzen Steinen gepflasterte Straßen und fast lauter neue Straßen, Häuser, als ist ein Manufacturort und besteht aus lauter Sammit Band Seiden Manufacturen, es soll in dieser Gegend auch der schönste Ort sein. Auch die Gegend um Crefeld ist sehr gut angebaut und man sieht wenig Heide wie bei uns daselbst.

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Am 17ten ging es weiter nach Geldern, ich sah mich schon gezwungen, so krank wie ich war, zu Pferde zu sitzen, als Lorentz, welcher sich auch nicht wohl befand, mir anbot, mich mit ihm in den Wagen zu setzen, welchen er für sich genommen hatte, welches ich natürlich gleich annahm. Wir furen ungefähr 1/2 St. später als das Detaschement (1) ab, hier sahen wir noch die ungeheuren Befestigungen von Wesel in der Ferne, auch die Citadelle, welche meine anderen Cameraden besehen hatten, zu der gelangt man erst über 5 Brücken, dieselbe darf nur von Militair besehen werden. In der Citadelle selbst ist eine Caserne mit Betten und allem Zubehör für 12000 Mann, wozu ich indeß wegen meiner Krankheit nicht kam; eben hinter der Stadt kamen wir über eine Schiffbrücke über den Rhein, hier trafen wir die bekannten grauen Hunde . . . . . . . . . . . . . . hier mußten wir für unseren Weg einen ungeheuren Zoll bezahlen; es war eine eigene Empfindung, als wir so von deutschem Boden in das verfluchte Frankreich einzogen und nicht wußten, ob wir je den deutschen Boden wieder betreten würden. Der Postillion stieg vom Bock ab und zog die Pferde so über die Brücke, weil sie kein Geländer hatte und nur mit losen Dielen belegt war. Nachdem wir ungefähr eine halbe St. gefahren waren, holten wir das Detaschement wieder ein, wo wir es mehrere Male vorbei fuhren. Der Postillion erzählte uns, daß sich hier in den Holzungen sehr viele Conscribirte (2) aufhielten, die fast alle von den dortigen Einwohnern ernährt wurden.
Wilmanns wurde unterwegs noch sehr krank, so daß er nicht mehr auf dem Pferde sitzen bleiben konnte und wir mußten ihn bei uns in den Wagen nehmen, so fuhren wir auf einer schönen Chaussee nach Geldern, wo außer unserer Brigade das Detaschement blieb. Geldern scheint eine kleine, niedliche Stadt zu sein. Die Leute sprachen hier ein Gemisch von deutsch und holländisch. Wilm und Lorentz blieben hier, ich mußte mich indeß, weil ich nicht weiterfahren konnte, dort auf mein Pferd setzen, von wo ich mit Glogstein nach dem Dorfe Neuteich der Brigade mit der Fourage nachritt. Dort bekam ich (das erste mal) allein ein sehr gutes Quartier, allein schlechtes Essen, weil wir das Unglück hatten, am Festtage hier gerade anzukommen.

(1) franz. détachement: militärische Einheit.
(2) Wehrpflichtige

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Am 16ten hatten wir zum Glück Rasttag, wo ich den ganzen Tag zu Bette bleiben mußte, weil ich mich heftigt erkältet hatte.

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Den 15ten Sept. ritten wir nach Wesel, unterwegs fiel nichts besonderes vor, wir bekamen hier fast alle schlechte Quartiere, ich mußte mit meinen Sachen in 3 Quartieren herum schleppen, ehe ich mir ein erträgliches bekam.
Die Leute schienen hier schon sehr das verdammte Französische angenommen zu haben, fast durch jede Straße, wodurch wir gingen, waren mit Restaurateurs bewohnt, und allenthalten sah man das verdammte französische Volk.
Wesel ist eine ziemlich große Stadt, hat sehr gerade Straßen und einige ziemlich große Häuser. Überdem ist Wesel sehr befestigt durch das Thor, welches wir passierten, mußten wir erst über 2 Brücken, ehe wir in die Stadt kamen, um den Wall und die Mauer läuft ein trockener Graben; es standen nah auf dem Wall einige Kanonen.
Wir trafen hier auch unsere früher von Bremen wegmarschirten Stadtsoldaten, denen wir noch einige Groten zu verdienen gaben. Ich befand mich hier am Nachmittag schon nicht wohl, und am Abend mußte ich mich schon früh zu Bette legen. Ich lag mit Altmanns in Quartier, der sehr für mich sorgte und allenthalben, wo er konnte, mir beistand.

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Den 14ten Sept. ritten wir nach Borkum, auch einem elenden Neste, wo keiner ein Wirthshaus war, alwo man speisen konnte. Auf dem Wege dahin fiel nichts besonders vor.

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Am 13. Sept. gingen wir von Münster nach Coesfeld ab. Wir hatten fast den ganzen Tag Regen. Stocks Pferd hüpfte den ganzen Tag auf 3 Beinen. Gevekoth bekam hier unterweges den Galopp im höchsten Grade, so daß er alle 10 Minuten vom Pferde herunter mußte; wir hatten ein sehr gutes Quartier bei einem Stück von Grafen, wir (Lücke) allhier den Hannewinkel zu Commandanten von Coesfeld, welchen Titel er auch bis auf diese Stunde beibehielt. Wir speiseten hier im Posthause, fast dem einzigen ordentlichen Wirthshause in diesem Neste.

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Den 12ten Sept. marschirten wir nach Münster. Es regnete abends. In Münster hatte ich ein ziemlich gutes Quartier, allein die Leute hatten alle ein so mißtrauisches, gleichgültiges Ansehen, daß ich nicht gerne daselbst sein mochte. Die Stadt ist sonst ziemlich groß und sehr lebhaft. Es war gerade Sonntag und wir sahen die Leute in langen Zügen aus dem Dom schreiten, woselbst wir uns auch hinverfügten und denselben in Augenschein nahmen.
Es ist ein sehr schönes großes Gebäude, an den Thürmen hingen noch die eisernen Käfige, worin Kniperdolling (1) & Consorten ihr Leben beschlossen hatten. Wir sahen daselbst auch das schöne Schloß.

(1) Bernd Knipperdolling (um 1495-1536), Führer der Täuferbewegung in Münster.

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Den 11. Sept. marschirten wir nach Glandorf, einem elenden Dorfe, wo ich mit Stock eine viertel Stunde vom Dorfe in einem einzelnen Hause unser Quartier bekam, eine andere Brigade, welche eine halbe Stunde vom Dorfe zu liegen kam, ließen sich sämmtlich zum Apell nach Glandorf fahren.
Auf dem Wege dahin passirten wir durch die Iburger Berge, welche wir schon in Dillingen in der Ferne hatten liegen sehen, so hatten wir die schöne Aussicht; bald kamen wir durch Thäler und ziemlich großen Holzungen, auch sahen wir daselbst sehr große Steinbrüche, bei Iburg lag auf einem Berge noch ein Kloster, welches indeß als Dominium verkauft war.

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Ich benutzte den Rasttag, den wir hier hatten, um zuerst nach Bremen zu schreiben, woselbst ich meine Begebenheiten mittheilte. Osnabrück ist eine recht hübsche Stadt, sie hat sehr viele große Häuser, besonders die Praefectur. Am 10ten bei Abende machte ich einen Spaziergang, wo ich eine ha(l)be Stunde von Osnabrück, wo ich sehr schlechten, dünnen Thee trank und satt kegelte. Wir bekamen hier unsern ersten Sold. General Cara St. Cyr (1) hatte hier seine Residenz, nachdem er Hamburg auf solch eine feige Art verlassen hatte. V. Lengake von Bremen und Pundt von (Lücke) nebst dem Frompeter blieben hier im Lazareth zurück.

(1) Claude Carra Saint-Cyr (1760-1834)
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Am folgenden Morgen d. 9. Sept. ritten wir von hier um 8 Uhr ab, wo wir uns ungefähr in Entfernung einer halben Stunde uns mit der zweiten Brigade, welche daselbst auf einem Gute gelegen hatte, vereinigten, und alsdann unsern Weg nach Osnabrück fortsetzten. Die Gegend auf diesem Marsche fing schon an, etwas sich zu verschönern und wurde auch schon etwas hügeliger. Wir hatten sehr schönes Wetter. Ungefähr eine halbe Stunde vor Osnabrück kam uns der dasige Platzcommandant, ein französischer Hund, entgegen; worauf uns dann commandirt wurde, den Szako nebst Federbusch zu entblösen, so daß wir in unserer ganzen Pracht in Osnabrück einzogen. Vor dem Thore begegneten uns schon einiger Osnabrücker Ehrengardisten, und so zogen wir erst durch mehrere kleine Straßen nach dem Platze. Ich bekam mit 6 andern ein sehr gutes Quartier bei Böhmer, einem Wirthshause, wo wir sehr gut bedient wurden. Hatten des Morgens unseren Caffee, und aßen des Mittages und Abends am Table d’hote auf Ersuchen des dasigen Praefecten an die Einwohner bekamen wir sämtlich feines Essen; wir hatten mit zwei Mann immer ein Zimmer, und sehr gute Betten.

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Am folgenden Morgen (8. September) machten wir uns zur Abreise fertig, welche am Nachmittage vor sich gehen sollte; bald darauf bekam Wilm ein heftiges Fieber, welches sich indeß nach einem starken Schweiße bald legte. Nach Tisch hatten wir einen sehr betrübten Abschied, und selbst ich, welcher doch als Fremder von dort ging, nahm Abschied als ein alter Bekannter, so bekannt hatten uns diese paar Tage mit dieser Familie gemacht. Th. Helle begleitete uns noch etwas hinter das Dorf, wo wir denn auch Abschied von ihm nahmen; und so still vor uns hin unserm Schicksale folgten. Wir kamen ungefähr nach 2 Stunden Marsches in Bohmt, einen ziemlich großen Dorfe an, wo wir uns wieder zu unsern andern Cameraden gesellten. Th. logirte sich daselbst in einem Wirthshaus ein, weil er sich stark erkältet hatte, ich quartirte mich in deß bei einem von meinen Cameraden ein, in einem großen Bauernhause, die Leute hatten daselbst keine Zimmer für uns; wir sahen uns also gezwungen, im Hausplatze uns eine Streu vor den Kühen machen zu lassen, woselbst wir auch sehr gut schliefen, ausgenommen, daß wir einige Mal von den harmonischen Tönen des Hornviehes aus unserm Schlummer sanft geweckt wurden.

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Am folgenden Morgen (7. September) machten wir mit Th. Helle einen Spazierritt in die umliegende Gegend, woselbst wir auch über einen ziemlich hohen Berg, welcher mit ungeheuer dicken Bäumen bewachsen war, kamen. Am Nachmittag bestiegen wir mit dem Hellen und Th. den höchsten Berg der umliegenden Gegend, das Steigen wurde mir sehr sauer, da ich selbiges noch früher nicht praetisirt hatte, wir wurden indeß bald durch die schöne Aussicht, die wir auf dem Berge hatten, dafür belohnt. Ich stand oben wie versteinert, die herrliche Aussicht daselbst vor mir hatte, man konnte daselbst in der Ferne die Porta Westphalica bei Minden nebst vielen anderen Bergen sehen, von da rechts sahen wir die Berge die hinter anderen hervorragten. Wir hatten das schönte Weter von der Welt und nachdem wir uns an der schönen Aussicht sattsam geweidet hatten, und darauf der Magen mit schönen Brombeeren gefüllt hatten, traten wir unsern Rückweg an. Unterwegs machten wir zuweilen halt, wo wir auf dem Flageolett duettirten, daß es durch die Berge hallte. Nachdem wir den Berg gemütlich heruntergestiegen hatten, gingen wir nach Jagehausen, welches nicht weit von da sehr romantisch zwischen Bergen liegt. Hier trafen wir den Pastor Helle nebst Frau, nebst Amt- mann Bessel, welche daselbst hingefahren waren, und wo unser schon ein Thee in dem kleinen reinlichen Jägerhause wartete. Auf den schönen Tag folgte ein ebenso schöner, mondheller Abend. Wilm und ich spielten und sangen hier zwischen den Bergen, woselbst ein sehr schönes Echo war, das Kriegslied Feinde ringsum. Nachdem die Alten weggefahren waren, gingen auch wir im herrlichen Mondschein wieder zu Haus, wo wir noch mehr schöne Partien zu Gesicht bekamen.

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Am folgenden Morgen den 6ten Sept. ritten Wilm und ich schon früher von dort, weil wir noch zwei Tage Urlaub bekommen hatten, um Pastor Hette zu Dilby (Vater des braven Schillschen Husaren) zu besuchen. Wir ritten also um 7 Uhr schon ab, wir passirten erst durch Diepholz, einer kleinen Stadt, woselbst wir unsere Pferde etwas fütterten, und als dann ziemlich schnell weiter ritten, nachdem wir ungefähr eine Stunde von dort geritten hatten waren, bekamen wir einen starken Regen, kehrten in einem kleinen Dorfe ein, und machten unsere Mäntel um. Der Regen hielt indeß bis zu unserer Ankunft in Dillingen (1) an, wo wir dann zuerst recht durchgeregnet wurden, von Diepholz kamen wir nach Lemförde, unsere Pferde waren von der Tour sehr ermüdet und wir konnten sie zuletzt kaum aus der Stelle kriegen. Zwischen Diepholz u. Lemförde sahen wir den Dummer-See, und in ziemlicher Nähe auch schon die ersten Berge, welches einen schönen Anblick gewährte. Endlich kamen wir um 1 Uhr bei Pastor Helle in Dillingen an. Wir wurden, als sie Th. W. erkannt, sehr freundschaftlich von de Familie aufgenommen; wir waren gerade zu rechter Zeit gekommen, denn der Tisch war eben gedeckt und wir setzten uns ohne viele Complimentte mit zu Tisch. Die Familie bestand aus dem Pastor, der Frau Pastorin und den beiden Demoisellen Helle & Th. Helle, außer denselben war auch noch der Schwiegersohn, Amtmann Bossel, nebst seiner Frau daselbst. Nach Tische machten wir mit dem Hellen einen kleinen Spaziergang nach den nahegelegenen Bergen, weil es indeß fast den ganzen Tag geregnet hatte, so kehrten wir bald wieder zurück und beschlossen den folgenden Tag die umliegenden Gegenden noch mehr in Augenschein zu nehmen. Der Abend ging sehr angenehm weiter, woselbst uns der Amtmann, welcher ein fideler Knochen war, sehr gut unterhielt.

(1) Dielingen bei Lemförde

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Des andern Morgens am 5ten Sept. ritten wir von Bassum ab, vorher wurde uns beordert, unsere Federn nebst Czako (1) mit Wachstuch zu überziehen. Die Gegend welche wir passirten war sehr langweilig, meistens Sand oder Haide. Wir kamen heute bereits gegen Mittag in Barnstorf an, wo ich mit noch 5 andern bei Huntemüller zu Huntemühlen ein sehr gutes Quartier hatten, allein die andern, die im Dorfe lagen, welches ein elendes Nest ist, sehr über ihr schlechtes Quartier klagten. Huntemühlen liegt ungefähr ¼ Stunde von Barnstorf in einem kleinen Holze, dicht daran fließt die Hunte hin, wo der Eigenthümer eine Papiermühle angelegt hat. Wilm und ich spielten am Abend noch Douette auf dem Flageolett (2) zusammen, welches recht hübsch im Holze klang, allein bald darauf vertrieb uns ein starkes Gewitter, welches sehr schnell aufzog und uns nöthigte, jeder in sein Quartier zu fliehen. Am Abend hatten wir noch Lärm mit einem franz. Offizier, welcher auch mit uns in dem Hause einquartirt war und toll darüber war, daß wir uns in seiner Stube einquartirt hatten. Zu Abend saßen wir bei unserem Wirth und legten uns alsdann mit 6 Mann auf ein großes Streu woselbst wir sehr gut schliefen.

(1) Tschako: von ungar. „Husarenhelm“

(2) Holzblasinstrument ähnlich einer Blockflöte

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Es war am 4ten Sept. 1813 als wir mit der Ehrengarde von hier gingen. Unser Corps bestand aus ungefähr 78 Mann. Wir versammelten uns um 6 Uhr Morgens unter dem Osterthore, marschirten indeß nicht eher als 8 Uhr ab. Es war für uns allen ein sehr trauriger Tag. Bis aus dem Buntenthore begleiteten uns eine unzählige Menge Menschen, wo noch Freunde und Bekannte von uns Abschied nahmen. Bei Mohren Vorwerk (1) machten wir halt, wo noch erst über uns von dem langbeinigten Schurken dem Praefecten und dem rotnäsigten Kriegscommissair Cung Revue über uns gehalten wurde. Nach der Revue stand für uns im Mohren Garten ein Frühstück bereit, wo vor demselben der Praefect noch eine lange Rede herbabbelte, worin die Worten Honnem Napoleon Patrie mit besonders lauter Stimme noch ausgeschrien wurden. Nach Beendigung der Mahlzeit verfügten wir uns wieder zu unsern Pferden und es wurde zum Aufsitzen und Abmarsch geblasen. Ich hatte mich noch vorher mit einige Bout Madeira versehen ich in meinen Putzbeutel steckte und sie mir am Abend mit meinen Cameraten wohl schmecken ließ. Bei unserem Abmarsch war der langbeinige Praefect noch zugegen und einer unserer Cameraden v. Harten hatte die Unverschämtheit, noch Vive l’Empereur zu rufen, welches indessen von keinem andern befolgt wurde. Wir kamen, weil wir erst spät wegkamen, auch spät ins Quartier nach Bassum an. Da viele von unseren Knechten bei unserer Ankunft in Bassum noch nicht da waren, so sahen wir uns gezwungen selbst die Fourage (2) für unsere Pferde zu holen, welches uns noch nicht besonders anstand. Ich hatte mit Stock nur ein mittelmäßiges Quartier, allein dies bei guten Leuten, zum Unglück waren schon die meisten Pferde von dem Mantelsacke gedrückt, allein das Meinige hielt sich bis zuletzt gut.

(1) Noch heute gibt es die Straße Am Mohrenshof in Bremen-Arsten.
(2) Pferdefutter